Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.“

Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt, mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:

„Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,

So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.“

Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen.

Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer Anselm von Laon.

Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck. Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte. Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:

„Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,

Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.“

Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener. Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten. Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. „Gewiß wollen wir,“ antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; „man wird Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.“