Die Auswahl aus meinen Büchern
Über Peter Altenberg ein Urteil in gemessenen Zeilen abzugeben kann ich mich nicht erkühnen. Man kann über diese personifizierte Absonderlichkeit denken, wie man will, verweilen wird man bei ihr müssen. Er hat die feinsten Nerven in ganz Wien. Darum muß man ihn lesen, ablesen wie einen Thermometer, Barometer, Hydrometer, kurz wie irgendein Kunstwerk physikalischer Feinmechanik. Vielleicht gehört das Urteil über Peter Altenberg wirklich der Zukunft? Vielleicht hat er instinktiv das getan, was nur er sich erlauben durfte: seinem Buche eine Selbstanzeige mitgegeben, eine Selbstanzeige, worin es heißt: „Ich habe vier Bücher herausgegeben: ‚Wie ich es sehe‘, ‚Was der Tag mir zuträgt‘, ‚Prodromos‘, ‚Märchen des Lebens‘. Ich hielt dieselben für ‚Extrakte‘, für Extrakte meines eigenen Innenlebens und eigentlich des Lebens überhaupt! Ich hielt mich für das kurzgefaßteste Herz, für das kurzgefaßteste Gehirn eines modernen Schriftstellers, für das Unbelästigendste, Zeit nicht Raubendste, das es gäbe! Aber ich habe mich geirrt. Man kann aus den vier Büchern noch die ‚wertvollsten‘ Perlen herausfischen und so dem einen Leser die Mühe ersparen, überhaupt je wieder etwas von mir zu lesen, den anderen jedoch dazu verführen, nun alle Werke zu erstehen! — Man warnt also menschenfreundlichst dadurch seine Nichtversteher, während man mit seinen Verstehern ein glänzendes Geschäft vielleicht zu machen in der Lage ist! Deshalb, aus Menschenfreundlichkeit und Gewinnsucht zugleich, veröffentliche ich die ‚Auswahl‘!“... Hat man die feinen Sächelchen, diesen Seelenhauch gelesen, scheint das Leben eine unüberwindliche Brutalität.
(Wiener Abendpost)
Im gleichen Verlag ist erschienen:
Egon Friedell: Ecce poeta
Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark
Das Buch über Peter Altenberg heißt „Ecce Poeta“; es könnte ohne Einbuße an der monumentalen Macht seines Hinweises auch „Ecce homo“ heißen; nämlich ecce homo 1912. Denn so wie Egon Friedells Arbeit das Buch über den österreichischen Dichter, so ist dem Verfasser die Persönlichkeit Altenbergs einfach der Dichter, ja mehr als das, der Mensch. Diese Identität zwischen Dichter und Mensch war die Verlockung, die ihn in einem Werk, das sich eigentlich als große erste Publikation von Untersuchungen über den neuen Menschen hätte geben sollen, die Führung an Altenberg vergeben ließ. Altenberg führt; darum ecce poeta. Ein Dichter kann in Mode stehen und außer Mode kommen. Bei Altenberg kann man leider nicht sagen, daß er je sehr in Mode gestanden hätte; schuld daran ist, daß er eine Entwicklungsspitze darstellt, während sich das große Publikum immer lieber am Fuße aufzuhalten pflegt und nur hin und wieder scheue Blicke nach oben wirft: denn es besitzt nicht das zähe Altenbergprinzip, das, um Bergsteigerfreudigkeit und Leichtigkeit zu erzielen, ein Dutzend fleißiger Kniebeugen vorm Schlafengehen verschreibt. Trotzdem ist Altenberg modern: weil er aus dem Krafthaushalte seiner Zeit schöpft und neue Kategorien von Schönheit und Adel aufstellt. Und nicht zum wenigsten darum, weil in Altenberg Mensch und Dichter kommunizieren. Wenn darum Egon Friedell etwas aus seinem Dichterschicksale erzählt, kommt es in Summa dem Menschen von heute überhaupt zugute. Altenberg ist Dichter durch seine Menschlichkeit. Nie ist ein Dichter weniger Dichter gewesen, nie ist ein Dichter mehr Antidichter gewesen. Denn das Dichtertum Altenbergs ist kein bürgerlicher Beruf, sondern ein Humanitätsmaximum.
(Frankfurter Zeitung)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig