Vergeistigung ist, wenn die äußerste menschlichste Zärtlichkeit sich ins Körperliche hinüberretten, sich befreien, sich dokumentieren muß, weil man es absolut nicht mehr bei sich behalten könnte! Meine Schwester Gretel mußte, besonders in der letzten schweren Zeit, dem geliebten 85jährigen Vater ununterbrochen leise über die silberweißen Haare streicheln, sonst hätte sie diese Fülle von aufgestapelter Angst, Sorge, fanatischer Anhänglichkeit unmöglich aushalten können. Sie mußte ihn streicheln, ihm in die Augen schauen, seine Hände berühren! So sei der Liebende; die Liebende! Nicht anders! Der Hund muß vor zärtlichster Anhänglichkeit wedeln, irgendwie muß er seine tiefe Liebe zu dir äußerlich ins Leben hinaus, körperlich dokumentieren, ja dir beweisen und leicht plausibel machen! Er weiß, daß du sein Innenleben sonst nicht ganz erfassen kannst! So sei alles Körperliche nur der letzte plausible Ausdruck einer tiefen seelischen Angelegenheit, die ans Licht des Tages gelangen will und keinen Grund hat, sich länger zu verstecken! So sei der Kuß und jegliche Berührung! Die innere Zärtlichkeit wird endlich herausgeboren in die Welt, braucht sich nicht zu genieren, kann es sogar nicht, da sie zum Lebenmüssen erstarkt ist! Unentrinnbarer Zwang sei die Devise des höchst kultivierten Organismus, nicht spielerische Tändelei! Alles stehe unter den heiligen Schutzfittichen der Natur, und die Berührung geliebter Finger sei nur der Ausdruck unabwendbarer seelischer Anhänglichkeiten!
Alle körperlichen Dinge aber sogleich körperlich empfinden, ist ein Zustand von sogenannter „reizbarer Schwäche“, das heißt, man hat nicht Zeit, seelisch auszureifen! Dante konnte sieben Jahre für die vergötterte Beatrice seelisch ausreifen! Es gibt ein herrliches Lied, mit dem Refrain: „Zeit — — — nur Zeit!“ Sich „Zeit nehmen“ ist die edle Ermahnung von Volksschullehrern an ihre Schüler. Ja, wertvolle Frauenseelen mahnen eigentlich immer ängstlich: „Es wird schon die Zeit kommen — — —.“ Zu jeglicher „Vergeistigung“ ins Körperliche braucht man Zeit, und die vorschnell gepflückte Stunde ist ein Verbrechen und eine Ungeschicklichkeit, die du an dir selbst begehst! Reizbare Schwäche!
APOLLOTHEATER
Märzprogramm. Vor allem meine Bewunderung für Gussy Holl, Diseuse. Gleich bei der ersten Strophe der Bauernparodie, weiß, spürt man sogleich, daß man eine ganz echte und leichte, also graziöse, mühelose Könnerin vor sich hat, die dem Publikum nichts abtrotzt, sondern von selbst alle sogleich zu dankbaren Freunden hat! Ihre Komik ist komisch, ihre Talente sind nicht enderschöpft in ihren Darbietungen, sondern dahinter steckt gleichsam ein noch gänzlich unausgeschöpftes Repertoir sämtlicher lustigen und tragischen Lieder des herrlichen Hannes Ruch, der natürlich seit Marya Delvard in Wien entschwunden ist. Seine einst von Mella Mars gesungene herrliche parodistische Tarantella wäre so ein Schlager für Gussy Holl. Sie kann nämlich noch viel mehr als sie kann, das ist das Befreiende bei ihren Vorträgen, daß sie nicht immer nur „ein Letztes, Mühseliges“ mühselig herauspreßt, wie viele, die ich leider nicht nenne. Kunst muß leicht, lächelnd, kindlich, mühelos sein. Wunderbar ist ihre Parodie der Japanerin „Hanako“, ein tragisches Äffchen! Sarah Bernhardt mit der Spukarie aus „Kameliendame“ sollte sie auslassen. Das ist zu billig. Die Bernhardt muß sie in ihrem übertriebenen französischen Racine-et-Corneille-Pathos parodieren! Reizend macht sie den „Damenimitator“, und als Zugabe: „Fritz Grünbaum“. Ein herziges Kunstwerkchen sind allein schon ihre zierlich-kindischen Verbeugungen, und überhaupt alles an ihr, jede Bewegung haucht „Persönlichkeit“ aus, für die sie nichts kann. Man ist direkt dankbar, daß sie da ist, was man nicht von allen behaupten kann, die uns mit Liedern und Rezitation be—glücken! Möge Gussy Holl, die Könnerin, ihr Repertoir ausdehnen bis zu tragischen Balladen! Eine herrliche Sensation ist die amerikanische Keulenschwingertruppe The five Morton. Ein Abend im Parke eines Sportklubs: Wirklich spielen und singen diese „körperlichen Hocharistokraten“ nur gleichsam für sich selbst und werden nur zufällig von Direktor Ben Tieber dafür bezahlt. Man glaubt es fast gar nicht, daß sie für Gage spielen. So etwas kann man auch eigentlich nicht bezahlen. Klothilde v. Derp tanzt mit einem Partner idealisierte Bauerntänze zu Chopin, Opus 69 Nr. 2 und Opus 34 Nr. 1. Jedenfalls ist sie und tanzt sie überaus lieblich. Ob es Chopin ist, weiß ich nicht, es ist „Tanz“ mit Musikbegleitung. Mit den Haxen kann man nicht denken! Und mit dem Gehirn kann man nicht tanzen! Die drei Clowne „Alvaretta“ sind unübertrefflich. Mit neun Tönen a la Kikeriki bringt der eine alle Lustigkeiten herbei, und der andere mit einer unverständlichen Anrede an das Publikum. Lustig wirken, mit geringen Mitteln, heißt „große Mittel“ haben! Die Alvarettas sind mustergültig! Sehr gut ist das Nachtigallen-Liebesduett, Parodie aus der Vogelwelt, von Robert und Bertrand. Bei McLeans sind die allerherrlichsten rostroten Haare der hübschen Tänzerin allein schon ein Kunstgenuß, obzwar sie echt sind! Diese rostrote Mähne so zu schütteln ist wunderbar. Da sieht man wieder, daß es nur einen Hauptschmuck gibt der schönen Frau, ihre Haare, und nicht ekelhaft teure Hüte mit unglückseligen Tieren ausgerupften Federn! Der Sketch mit Charlé, Brand, Bachrich, Brenneis ist sehr lustig. Fragt mich nicht nach dem Inhalt, denn das Erröten steht mir nicht gut! Die zwei „Spaniels“ der Gaudsmith haben mehr Verve und Freudigkeiten als die meisten menschlichen Akrobaten. Ihre Lust, sich zu produzieren, ein hündischer, aber diesmal edler Ehrgeiz, ist rührend!
SPLITTER
Zum Singen gehört die heilige Trinität: ein feines Ohr, eine feine Seele, ein feiner Geist! Die meisten haben höchstens ein feines Ohr. Und das haben sie meistens nicht!
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Es ist angenehmer, mit Frauen zu verkehren als mit Männern! Die Frau denkt: „Ich versteh einmal gar nichts. Er versteht vielleicht auch nicht viel. Aber mehr als ich versteht er jedenfalls!“