An Frau E. R.

Eine Welt von zärtlichster Zärtlichkeit mußte in mir ersterben, auf dein Geheiß! Auf deinen strengen unerbittlichen Wunsch! In späteren Tagen warst du sanftmütig und gütig zu mir; in späteren Tagen! Aber den »süßen Wahnsinn« hast du mir gemordet, wolltest durchaus meiner Seele endlose Welten auf ein erfaßbares Maß zurückführen; vergeblich! Stört euch »unser Wahnsinn«, so enttäuscht euch schließlich noch mehr die »normale Liebe« der anderen! Sind wir auch »übertrieben« in unserer Verehrung, sind die anderen allzu nüchtern in ihrer gesunden Gerechtigkeit!

An Else Wiesenthal.

Immer und überall im Leben vermißt man »Hoheit und Würde« und »edle Kindlichkeiten« zugleich! Aber in Ihrem Tanzen findet man es. Deshalb ist man so beglückt und erlöst und erleichtert. Was man an seiner geliebtesten Geliebten schmerzlich-melancholisch vermißt, findet man, erstaunt, gerührt, bei Ihnen! Unerbittlich und starr wird immer naturgemäß sogleich die Seele des Mannes, falls ein wertvolleres Bild vor seine Seele tritt! Ehebruch, Treuebruch, was seid ihr für nichtssagende Namen! Das »Zulänglichere« löscht einfach stets das »Unzulängliche« aus! Soll man weiter verehren, was der Verehrung nicht mehr wert ist?! Gehet von hinnen, Schwerfällige, wenn die »idealere Tänzerin« naht! Die »Gleitende« besiegt die »Schleichende«!

WESEN DER FREUNDSCHAFT

Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind, mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde, sage, geben allen Dingen die wohlwollendste Auslegung. Sie sind ganz ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle, überhören eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz, daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns nach unseren in uns verborgen liegenden Idealen, nicht nach unseren allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere seltenen Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind noble Ausleger, Ausdeuter unseres wirklichen Wesens. Sie begreifen unsere Schwächen, sie achten unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches. Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt: Freundschaft. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »ewige Gutmütigkeit« ist von Gottes Gnaden! Man hat sie zumeist erst mit Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte, dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als wir selbst!

WAS IST EIN DICHTER?

Er sah am »Gänsehäufel« ein fremdes junges Mädchen, ganz lang und schlank, goldbraune wehende Haare, lange, schmale Hände und Füße, ein ockergelbes seidenes Trikot an dem mulattenbraunen Leibe.

Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.

Er sah in einer japanischen Akrobatentruppe ein fünfjähriges Mäderl, gelber Teint, Stumpfnäschen, schwarze Haare wie eine Perücke. Lebendig gewordenes Kinderspielzeug!