Im Wiener Moulin Rouge ist jetzt eine Truppe von acht jungen Engländerinnen, die angeblich nicht viel tanzen können. Das ist aber grundfalsch und eine echt dilettantische Auffassung. Die Art, wie eine Frau ihre Persönlichkeit in Bewegung, in Tanz wiedergibt, ist das Wertvolle an ihr und an ihrer Darbietung! Das allein! Das Schreckliche an unsern frühern Tänzerinnen war eben, daß die Schulung und die Künstlichkeit ihre persönliche Grazie, ihre individuelle Bewegungsart auslöschen, vernichten mußten! In der modernen Welt wird aber die Persönlichkeit frei, und man verzichtet gerne auf die sogenannte hohe Schule! Diese jungen acht Engländerinnen, die angeblich nicht viel können, wie die Tanzmeister an den Tanzschulen behaupten, diese jungen acht Engländerinnen repräsentieren in Art und Gebärde dennoch die keusche, kindliche, merkwürdige Anmut aller englischen Mädchen und Frauen, die von Natur aus und ganz von selbst mit unbeschreiblichem Geschmack und Takt begabt sind und niemals mehr vorstellen wollen im Leben, als ihnen von Natur und Schicksal beschieden ist! Sie bleiben kindlich-herzig unter allen Umständen, in jeder Situation, in jeder Lebenslage; sie akkomodieren sich nicht feigerweise, wünschen lieber zu langweilen, als mit übertriebener Lustigkeit aufzuwarten! Sie tanzen, wie Kinder im Volksgarten, im Stadtpark tanzen würden; oder im Hofe bei einem Werkel, oder sonstwo für sich allein — — —. Sie rühren, ergreifen, und ihre Tanznatürlichkeit besiegt die entsetzliche Tanzkunst, die sich eine jede fast in emsigem Bemühen erwerben kann! Möchten wir uns doch endlich, in jeder Hinsicht, von der schrecklichen historischen Überlieferung emanzipieren, dieser Arterienverkalkung der menschlichen Seele! Es gibt heutzutage bereits einige Tänzerinnen, die nur ihr eigenes Wesen in Bewegung umsetzen, ihre persönliche Grazie allein wirken lassen! Mögen sie bei den Tanzmeistern durchfallen, bei den Meistern des lebendigen Lebens werden sie reüssieren. Diese acht jungen Engländerinnen tanzen wie die allerherzigsten Kindchen, sie rühren und ergreifen, sie geben sogar eine Idee von Englands Frauen überhaupt! Seien wir ihnen vor allem dankbar, daß sie uns die manierierten, affektierten, berechnenden Frauen noch unausstehlicher machen durch den Kontrast!

»Ich hole mir eine arme englische Tänzerin zur Frau«, sagte einmal ein genialer welterfahrener Mann zu mir.

»Bravo,« erwiderte ich, »aber wissen Sie auch, weshalb Sie das tun?!?«

»Es sind kindliche und dankbare Geschöpfe, die es einem nie vergessen, daß man sie errettet hat vor dem und jenem, was immerhin passieren könnte. Außerdem ist ihnen der sichere Ehrentitel »Missis so und so« wertvoller als die flüchtigen Triumphe, denen Enttäuschung auf dem Fuße folgt!«

Ich glaube, die anständige, angeblich temperamentlose Engländerin macht das bessere Geschäft auf Erden, als die leichtsinnigen, lebensunkundigen andern. Anständigkeit ist Willenssache. Aber diesen Willen eben haben wollen, in allem und jedem, ist Kultur und Adel. Die Engländerin will eben anständig sein! Möge sie daher Frieden, Achtung und Sorglosigkeit einheimsen! Man gönne es ihr ...

DER TRATTNERHOF

Also dieser aristokratisch-einfache, zweckmäßig gegliederte alte Bau soll nun auch verschwinden!

Statt dessen werden schreckliche Unnötigkeiten erstehen, Türmchen mit Kupferplatten versehen, oder eiserne schwarze, oder vergoldete; riesige Emailplatten in allen Farben; kleine Balkone, auf die niemand hinaustreten kann, mit Geländern wie irrsinnig gewordene Schlänglein! Ein Tohuwabohu von Unzulänglichkeiten! Ein architektonischer Hexensabbat alles Unnötigen, Unzweckmäßigen, blöd Verschwendeten auf Erden! In unseren geliebten Spielereischachteln einstens waren Häuser mit glatten edlen Wänden, breiten Fenstern, hohen Dächern, großen Haustoren. Da konnten wir uns weite, stille, abgeschiedene Zimmer hineindenken, in denen man ein Refugium fand vor den Stürmen des äußeren Lebens! Aber heutzutage ist man ehrlich; an der Schnickschnackfassade sollst du es nämlich sogleich zu spüren bekommen, daß du auch in deinem eigenen, von dir selbst bezahlten Zimmer, keinerlei klösterlichen Frieden, Ruhe, Sicherheit, Vereinsamung, Abgeschlossenheit mehr finden könntest — — —! Die Menschen suchen Ornamente, Verschnörkelungen, Zieraten (ein ekelerregendes Wort), weil sie zu ihren eigenen, in sie von Gott gelegten Paradieseseinfachheiten noch nicht vorgedrungen sind!

Der alte, einfache, edle Trattnerhof hat durch Jahrzehnte niemanden gestört, belästigt. Ich sehe nun schon alle Künsteleien ihre schändlichen Orgien feiern. Häuser werden zum Bewohntwerden errichtet, meine Herren Architekten; architektonische Knockabouts gehören in den Wurstelprater!

ARTISTISCHE RUNDSCHAU, WIEN