YVETTE GUILBERT

Sie ist das Wunder des Chansons, das, an und für sich nichtig, farblos, leblos, durch sie eine Fülle von Tragik, grotesken Dingen, Lieblichkeit, Koketterie erhält. Ihre Augen bereits drücken alles aus, was es an seelischen Dingen überhaupt gibt, aber auch ihre Arme und Hände sprechen überaus eindringlich. Ihre Wirkungen grenzen an das Wunder. Und diese nur andeutende Art, diese wechselnden Nuancen, der clin d’œuil, der alles sagt, was zu sagen ist. Sie allein von allen hat die Macht, ein Lied auszuschöpfen, ja, es erst in seiner Fülle zu dichten! Ganze Schicksale bringt sie in einen sinnlosen Refrain, und man staunt über das Außerordentliche, das sich da ereignet. Aus einem Nichts ein Alles machen, darin könnten alle von ihr lernen, wenn es erlernbar wäre. Le minimum d’effort et le maximum d’effet ist auch ihre Devise. Den Höhepunkt ihrer Chansons bildet unbedingt »Les cloches de Nantes«. Wie ein düsteres Schicksal erdröhnen von allen Seiten die großen Glocken in den alten Kirchentürmen. Da gibt sie sich ganz aus, bricht los, bewirkt Enthusiasmus! Die Guilbert gehört zu den wenigen Erscheinungen, die einen als etwas nie wieder in die Welt Kommendes ergreifen. Man darf es nie versäumen, sie wieder und wieder zu sehen, zu studieren, so oft sich die Gelegenheit bietet. Für mich gehören zu solchen Erscheinungen Mitterwurzer, Girardi, Hermann Winkelmann. Es sind Menschen, die nicht ersetzt werden! Ihre Macht ist nicht zu definieren, da sie irgend etwas Rätselhaftes hat. Man befürchtet stets, daß sie einmal sterben werden, und geschieht es, ist man untröstlich, hat ein persönliches Leid erfahren. Man möchte in Trauer gehen um sie. So eine Organisation ist auch Yvette Guilbert. Diseusen, ach, lernet doch von ihr das leider Unerlernbare!

KRANKENPFLEGE

Eine Frau, die, während ihr Geliebter im Sterben liegt, sich ebenso pflegt, wäscht, mit hundert Salben salbt, wie eh’ und je, und keinerlei Bedenken hat, sich ebenso zu pflegen und zu hegen, wie sie es gewohnt war, hat ihn nie, nie wirklich lieb gehabt! Sie müßte plötzlich alles aufgeben, sich schmutzig werden lassen, sich verkommen lassen, auf ihre adelige Körperpflege vollkommen verzichten können, sich Hände und Gesicht nicht mehr waschen wollen, ja sogar die schönen Haare nicht mehr pflegen, sich in einen Abgrund stürzen lassen, wo das reale Leben zerschellt und aufhört — — —.

Es müßte alle ihre weibliche Eitelkeit plötzlich ersterben, nicht mehr sein — — —. Sie müßte zu einem Aschenbrödel werden, ganz in sich zurückgezogen und unbeachtet, nur in der edlen Pflege aufgehend und unscheinbar werdend vor Aufmerksamkeiten! Sie müßte unwillkürlich aus einer Dame zu einer »Pflegerin« werden, sich degradieren, um sich zu erhöhen!

Ihre Fingernägel müßten ihre Edelpolitur verlieren, ihre Strümpfe müßten Löcher bekommen und Knöpfe müßten ihr an der Bluse fehlen. Ihre werdende Ungepflegtheit müßte ihre Ehre sein! Ihre Freundinnen müßten zu ihr sprechen: »Du siehst gealtert aus, meine Liebe, schließlich muß man doch auch ein bißchen auf sich schauen, solange man jung und hübsch ist — — —.«

»Dazu habe ich jetzt, Gott sei Dank, keine Zeit mehr übrig — — —.«

»Gott sei Dank?!« sagten die Freundinnen und kicherten: »Sie muß immer apart sein — — —.«

HERBST AM SEMMERING

Müde schleichen die Stunden dahin. Noch einmal ist es mir Zähestem vergönnt, die herbstliche Pracht meines Kindheitsparadieses (damals gab es nur Gasthof »Nedwall«) zu erschauen! Brennesselgebüsche und dunkelbraune vertrocknete Sträucher. Ein kleines Mäderl in Lederhöschen, mit dicken, rostbraunen Zöpfen, in die grellrote Seidenbänder eingeflochten sind, repräsentiert mir die »Schönheit der ganzen Welt«. Die Eltern nennen sie, tief entzückt, schlimm und übermütig. Wie wenn die Saharet, Ruth St. Denis, Grete Wiesenthal, schlimm und übermütig sein könnten! Der Schneeberg trieft von zerrinnendem Schnee, und das Elisabethkirchlein ragt in graue Wolken. Ein Direktor reitet, kranke Frauen fahren langsam durch den Fichtenwald. Lila Enzian, kurzstengelig, und Löwenzahn. Aber meine »heilige Stunde« ist von 3 bis 4. Da spielt nach dem Essen die Amerikanerin mit ihrem großen schlanken Freunde im Café Karambol. Er belehrt sie natürlich väterlich, die doch alles bereits mitbekommen hat vom Schicksal, Anmut und Beweglichkeit und Gazellenglieder und Feenhände. Jede ihrer Bewegungen ist vollkommen. Das ist meine »heilige Stunde«, da ich menschliche Vollkommenheit erblicke. Da vergesse ich, daß Gottes Träume sich noch nicht realisiert haben — —.