Altenberg ist der Virtuose der Wortskizze. Ist es, weil er dem Reichtum des Lebens dienen will. Einem kleinen Ausschnitt sich willenlos hinzugeben und in unendlichem geduldigem Mühen nach höchster vollkommener Bildwirkung sich vor dem übrigen zu verschließen, daran hindert ihn die drängende Fülle, die ihm nicht Ruhe läßt. So springt er von einem zum andern, immer auf der Spur des schnellfliehenden Lebens. Zur Beschaulichkeit ist keine Zeit. Nicht zum Schwelgen. Es gilt zu erjagen, zu erraffen, gilt, flüchtiger als das fliehende Geschehen zu sein.
Daß diese Eigenart Altenbergs ihren Wert und Unwert in Einem hat, daß ihre Stärke die Mutter ihrer Schwäche ist, versteht sich. Es zu beweisen, wird man mir erlassen.
Dem Leben gilt Altenbergs Kunst.
Diesem Wunder aller Wunder, mit dem wir täppisch, wie wir sind, auf Du und Du stehen. Das wir hinnehmen mit großen, blöden, dummdreisten Augen. Das wir zu kennen wähnen, und das doch von tausend Schleiern bedeckt ist. Das Wunder, das uns zum kahlen Alltag wurde, wird hier wieder ein blühendes Märchen, dem wir mit gläubigen Kinderaugen aus der Ferne zuschauen. Wunder des Alltags. Um sie geht es. Oder wie es der schönste unter allen Buchtiteln Altenbergs faßt, um die »Märchen des Lebens«. Unermüdlich trachtet der Dichter, die kleinen Dinge des Alltags besonders zu sehen, die Perlen am flachen Strand zu finden. Hundertmal mag er wertlose Kiesel auflesen und bei den kalten Besserwissern höhnisches Lächeln dafür ernten: plötzlich funkelt ein winziges Ding in seinen Händen und läßt uns die Augen übergehen.
Mitten hinein in die zarten Wortskizzen drängt sich plötzlich eine breite, schwerwiegende Untersuchung mit einer Überzahl unterstrichener Worte. Der Dichter wandelt sich in einen Propheten. Der Mann der zarten Worte in einen glaubensstarken Prediger, der lauthallende Straf- und Mahnreden auf die sündige Menschheit herabschleudert. Der eben noch ein ganz Besonderer, ein starker Einzelner, ein Außenseiter war, wird plötzlich zum Bruder Schultze-Naumburgs, des Kunstwartmannes, des Vaters des Reformkleides und der Reformstiefel.
Mit eindringlichen, treffsicheren Worten predigt er von seinem Ideale: der naturgemäßen Körperkultur. Anbetend neigt er sein Haupt vor dem großen Gotte Gesundheit. Worte fallen, die der Unnatur die gleißnerischen Kleider vom Leibe reißen und doch nichts bessern werden. Wann hätte diese Dame und ihr lästerliches Töchterlein Mode, je die Scham gekannt? Sie kann noch stärkeres ertragen als Altenbergs fanatische Predigten und seine gutgemeinten Insultierungen.
Darum ist es, schauen wir zurück auf die leidenschaftlichen Bekenntnisse zur Göttin Gesundheit, letzten Endes nicht das Gegenständliche, der Inhalt der Rede, der uns in den Bann der Worte zwingt, sondern die Persönlichkeit, die ungehinderter als in den formgewordenen Dichtungen, innerstes Sein und Meinen offenbart. Auch hier steht Altenberg im Dienste des großen, göttlichen, uneingezwängten Lebens. Auch hier will er jedem Pulsschlag freie Bahn schaffen. Auch hier erlösen von dem Drucke, den Steifheit und Gutmeinen, Enge und Schwerfälligkeit dem Wunder aller Wunder zufügten und bis in die Undenkbarkeit zufügen werden.
So geht auch diese Besonderheit mit dem Allgemeinen zusammen. In das Werk des Schöpfers der »Märchen des Lebens«, des Suchers im Alltag, des eigenwilligen Sehers fügt sich das Prodromosbuch ein, das Glied einer Kette. Der Unmittelbarkeit des unverfälschten Lebens trachtet der Dichter so gut wie der Prediger nach. Und die sprunghafte, das Wortemachen hassende Form eint beides auch nach außen hin.
(Königsberger Hartungsche Zeitung)