FORTSCHRITT

Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines Kaffeehauses spucken können, und solche die es noch ganz gut können. Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder „Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt noch der hohe englische Fußschemel beim Friseur, und die Ventilatoren in jeder Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner dunklen schuppigen Haut essen und noch dabei behaupten, das gebe dem edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für den, der es lesen soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem zugute kommt, dem sie angehört, und nicht dem, der sie bewundert, ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“. „Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour, mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen, um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen widerlegen zu wollen, ist unkultivirt. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und „kleiner Bäckerei“ hat solches nicht stattzufinden! „Anonyme Briefe“ sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „Ich verehre Sie!“ Im allgemeinen aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu desavouieren suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen — — —!

ABSCHIED

„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“

„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“

„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“

Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben!

BESUCH

Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam, begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“ erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte, ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel ..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.

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