„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“
„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“
„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“
Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚anbandeln‘ lassen — — —. Ein jeder hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“
DIE ROMANTIKERIN I.
Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem Augenblick irgendeine Niederträchtigkeit heranschleichen könnte! Aber vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging, und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun, eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen, nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte, spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn man gar nichts hat!
ERBLEICHET! ERRÖTET!
Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet Zugluft auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen Zimmern, bei weit geöffneten Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie vertragen zu können, ist das Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder Bronchialkatarrh ist das absolut untrügliche Zeichen eines tief rückständigen unaristokratischen Organismus! Da helfen weder Ahnen, noch sogenannte künstlerische Qualitäten! Der betreffende Organismus ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das Rhododendron, gerade eben dasselbe muß auch er aushalten! Abgehärtete Frauen sind bereits dadurch allein schon in einer „höheren Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, in jeder Beziehung! Ich kenne alle Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. Es ist Talmi und Pofel! Schein-Existenzen!
OSTERMONTAG AUF DEM SEMMERING
Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis alles geschehen sein wird, der geordnete sichere Frühling, dann erst werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann, dann gibt es kein Zurück mehr, verstanden?! Und dann bis in den Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches, erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren, die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!