durch unablässige Erinnerung!
LUFTVERÄNDERUNG
Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie von einer monatelangen Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. „Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — „Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von acht Tagen) ja nicht stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“
„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun, dem Erhalter und Ernährer.
Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ Nämlich auf den zweihundert Kronen.
EIN NACHTRAG
Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine fortdauernde Sache sein könne, sondern eine durch Haß-, Verachtungs- und vor allem Gleichgültigkeits-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren Sinne sein müsse! Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit der Gefühlswelt, ja sogar der Sinnenwelt, was eine noch entsetzlichere Stupidität ist! Die „Mehrheit“ will uns eben blöde machen! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen wir Flöhe uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch verwunden, ohne Genies zu sein! Wir haben den gesunden Menschenverstand! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr Glücklichen, ihr wart niemals auch nur eine Stunde lang wirklich glücklich! Geschäfte habt ihr gemacht und Bilanzen berechnet! Ihr „Aktiven“ seid ewig „passiv“ gewesen!
BUCHBESPRECHUNG
Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig: „Rosen und Sommerblumen“. Ich lese es, ich betrachte die 160 Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen, blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“, ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit Wildrosencharakter, wie manche scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose „Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan vorzaubernd und seine Gärten; vergeblich suche ich eine Rose „Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, dichtet mir in der ganzen weiten Welt eine Rose, die dieser Herrlichsten wert wäre! „Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß man schon von weitem deine deutsche und dennoch internationale Pracht verspürte!