ANNONCE

Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern beginnt: „Bei Behandlung von Herzkrankheiten — — — — —“, und dann folgt die Anpreisung des berühmten „Franz Josef-Bitterwasser“, vor dem Frühstück (1/8 Liter) in kleinen Schlucken, ganz langsam, absatzweise, zu trinken! Nun meinen natürlich alle Leser, daß diese zu Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte nur dazu dienen, den Leser „einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — — nämlich zu seinem eigenen Heile! Denn die vitale Nervenkraft des Herzens hängt von der minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate angedeihen läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch! Man nehme nur diese täglichen Annoncen:

Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen sagen: „Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit du, Ochs, Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens mit lauter Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der nicht annonciert, kann mir nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!

PLAUDEREI

Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte. Und wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte unbedingt eine Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine Mission! Das hält einen in Zusammenhang mit allen Menschen, die man nicht kennt. Den Bekannten gegenüber hat man ja keine Mission. Für die ist man ein Narr oder ein Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese Ehre tun wir ihm ja doch nicht an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich könnte meine Sachen widerrufen, aber Tausende würden sie als Wahrheiten in sich aufnehmen. Ich könnte es verkünden: „Nein, die Frauenseele ist doch nicht so, wie ich sie sehe!“ Aber Tausende würden jammern: „O, bitte, wir sind doch so!“ Mein Talent war klein, aber mein Fühlen war groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl, nämlich für allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten Nestchen, beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und Begeisterung. „Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn so und so habe ich einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was haben S’ davon?!“ — „Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die schöne Gärten lieben, und es gibt solche, die ihre schönen Gärten lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und was haben s’ davon?! Nichts!

RICHTIG

Ich verkehrte mit einer sehr intelligenten, gebildeten Dame, die viel mit Aristokraten beisammen war. Da sagte mir eine andere Dame, mit der die Aristokraten nicht verkehrten: „Peter, wenn Sie nicht der Peter wären, würde die Dame auch Sie nicht so oft in ihrer wunderbaren Equipage abholen!“ Ich erzählte das meiner Freundin. Sie erwiderte: „Sicherlich; weshalb sollte ich nicht lieber mit einem feinfühligen Dichter als mit einem Kommis beisammen sein wollen? Der Kommis kann gewiß ebenso intelligent und wertvoll sein, aber ich lerne ihn nur kennen als den, der mir Seide anpreist. Den Dichter kenne ich im voraus aus seinen Werken. Beide könnten mich im Nahverkehre gleichmäßig enttäuschen. Aber von dem einen habe ich dann wenigstens seine Werte noch in meinem Bücherschranke und kann bei der Lektüre vergessen, daß er ein gemeiner Kerl ist!“

REMINISZENZEN

Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser wie fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an. Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte Hölzchen (eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben Docht und zündete jene an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde noch ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name „Ditmar“ und zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben matten Schein. Da saß man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze: „Charakter des Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“