Endlich verfielen sie darauf, zu der Königinn zu sagen, jetzt hätte sie sich auch gerühmt, all die Leinwand, die sie gesponnen, in vier und zwanzig Stunden zu Hemden aufnähen zu können. Es ging nun eben so, wie früher: das Mädchen wagte nicht, zu sagen, daß sie nicht nähen könne; sie erhielt wieder ihre Kammer für sich allein und saß da und war betrübt und weinte. Nun trat aber wieder eine alte Frau zu ihr ein und versprach ihr, die Leinwand für sie zu nähen, wenn sie sie an ihrem Ehrentag Muhme nennen wolle. Ja, das wollte das Mädchen gern und that wieder, wie die Frau ihr sagte, ging hin und legte sich schlafen. Am andern Morgen, als sie erwachte, war alle Leinwand zu Hemden aufgenäh't, die auf dem Tisch lagen; eine so schöne Naht hatte man aber noch nie gesehen, und die Hemden waren alle hübsch gezeichnet und völlig fertig. Als die Königinn die Arbeit sah, freu'te und verwunderte sie sich so sehr über die schöne Naht, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Nein, eine so schöne Naht habe ich noch nie gesehen,« sagte sie, und von nun an hatte sie das Mädchen so lieb, wie ihr eignes Kind. »Wenn Du jetzt den Prinzen haben willst, so sollst Du ihn bekommen,« sagte sie zu dem Mädchen: »denn Du hast niemals nöthig, Etwas aus dem Hause zu geben, da Du Alles selbst spinnen und weben und auch nähen kannst.« Weil das Mädchen nun so schön war, und der Prinz sie gern leiden mochte, wurde auch sogleich die Hochzeit gehalten. Als sich aber der Prinz mit ihr zur Tafel gesetzt hatte, trat plötzlich ein altes häßliches Weib herein mit einer langen langen Nase — die war gewiß drei Ellen lang.
Da stand die Braut auf, ging auf die Alte zu und sagte: »Guten Tag, Muhme!« — »Ist das die Muhme meiner Braut?« fragte der Prinz. Ja, das wäre sie. »Ja, so müssen wir sie denn wohl mit bei Tafel sitzen lassen,« sagte der Prinz; aber er sowohl, als die Andern meinten doch, sie wäre gar zu garstig, um mit ihnen bei Tafel zu sitzen.
Nicht lange darnach trat wieder ein altes häßliches Weib ein, die hatte einen Allerwerthesten, so dick und so breit, daß sie nur mit genauer Noth zur Thür herein konnte. Sogleich stand die Braut auf und grüßte sie und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz fragte wieder, ob das auch eine Muhme seiner Braut wäre. »Ja,« antworteten beide, und sie mußte sich nun ebenfalls an die Tafel setzen.
Kaum aber hatte sie sich niedergesetzt, so trat wiederum ein altes häßliches Weib ein, mit Augen, so groß, wie ein Paar Teller, und so roth und fließend, daß es ganz abscheulich aussah. Die Braut stand wieder auf und grüßte sie und sagte: »Guten Tag, Muhme!« und der Prinz bat auch sie, sich an die Tafel zu setzen, aber er dachte bei sich selbst: »Gott steh mir bei wegen all der Muhmen, die meine Braut hat!« Als sie ein wenig gesessen hatten, konnte der Prinz sich nicht enthalten, zu sagen: »Wie in aller Welt kann doch meine Braut, die so schön ist, so hässliche und missgestaltne Muhmen haben!« — »Das will ich Dir sagen,« versetzte die eine: »ich war eben so schön, wie Deine Braut, da ich in ihrem Alter war; aber daß ich eine so lange Nase habe, kommt daher, weil ich so viel gesessen und gesponnen und dabei den Kopf beständig gerüttelt und geschüttelt habe; davon hat sich die Nase ausgedehnt und ist so lang geworden, wie Du sie jetzt siehst!« — »Und ich,« sagte die zweite: »ich habe von meiner Jugend an auf dem Webstuhl gesessen und immer hin und her gehuppelt; davon ist mein Allerwerthester so groß geworden und so angeschwollen, wie Du ihn jetzt siehst.« Darauf sagte die dritte: »Ich habe, seit ich ganz klein war, immer da gesessen und auf das Nähzeug gestiert; davon sind meine Augen so häßlich und roth geworden.« — »Na, so!« sagte der Prinz: »das war gut, daß ich das zu wissen bekam, wie die Leute von Dergleichen so häßlich werden können; so soll denn nun meine Braut auch in ihrem Leben nicht wieder spinnen, noch nähen, noch weben!«
14.
Der Sohn der Wittwe.
Es war einmal eine arme arme Wittwe, die hatte einen einzigen Sohn, für den quälte sie sich so lange ab, bis der Prediger ihn gefirmelt hatte. Da sagte sie, jetzt könne sie ihn nicht länger ernähren, er müsse nun fort und sich sein Brod selbst verdienen. Der Bursch wanderte darauf fort in die Welt, und als er eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatte, begegnete ihm ein Mann, der fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich will fort in die Welt und zusehen, ob ich nicht einen Dienst bekommen kann,« sagte der Bursch. »Willst Du bei mir dienen?« — »O ja, eben so gut bei Dir, als bei jedem Andern,« versetzte der Bursch. »Ja, Du sollst es gut bei mir haben,« sagte der Mann: »Du sollst mir bloß zur Gesellschaft sein, weiter verlange ich von Dir Nichts.« Der Bursch trat nun seinen Dienst bei dem Manne an; er führte ein herrliches Leben, hatte Essen und Trinken vollauf und nur Wenig oder gar Nichts zu thun; aber er sah sonst auch niemals eine Menschenseele.
Eines Tages sagte der Mann zu ihm: »Ich werde jetzt auf acht Tage verreisen; während der Zeit musst Du hier allein bleiben, aber Du darfst ja nicht in eins von diesen vier Zimmern gehen; thust Du das, so kostet es Dir das Leben, wenn ich zurückkomme.« — Nein, sagte der Bursch, er wollt's gewiß nicht thun. Als aber der Mann drei oder vier Tage fort gewesen war, konnte der Bursch sich nicht länger halten, sondern ging in das eine der Zimmer. Er sah sich hier überall um, aber bemerkte Nichts, als nur eine Borte über der Thür, und darauf lag eine Dornruthe. »Das ist auch was Rechtes, um es mir so strenge zu verbieten, in dies Zimmer zu gehen, wenn hier weiter Nichts zu sehen ist!« dachte der Bursch. Als die acht Tage um waren, kam der Mann wieder nach Hause. »Du bist doch auch wohl in keins von den Zimmern gegangen,« sagte er. »Nein, ganz und gar nicht,« sagte der Bursch. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sagte der Mann, und darauf ging er grade in das Zimmer, in welchem der Bursch gewesen war. »Ja, Du bist doch drin gewesen,« sagte er, als er zurückkam: »und nun muß ich Dich tödten.« Aber der Bursch weinte und bat so lange, bis er doch zuletzt mit dem Leben davon kam; aber tüchtige Schläge erhielt er. Als er die ausgestanden hatte, waren sie wieder eben so gute Freunde, als zuvor.
Einige Zeit darnach verreis'te der Mann abermals; er sagte, daß er jetzt vierzehn Tage ausbleiben würde, und verbot dem Burschen wieder strenge, in irgend eins der Zimmer zu gehen, in welchen er noch nicht gewesen sei; aber in das, worin er schon gewesen, könne er immer wieder gehen, wenn er wolle. Es ging nun eben so, wie das vorige Mal, nur daß der Bursch sich jetzt acht Tage hielt, eh' er wieder in eines der verbotenen Zimmer ging. Er sah auch hier Nichts, als über der Thür eine Borte und darauf einen Feldstein und einen Wasserkrug. »Nun, das ist auch was Rechtes, um davor so bange zu sein!« dachte der Bursch. Als der Mann nach Hause kam, fragte er den Burschen wieder, ob er auch in irgend einem der Zimmer gewesen sei. Nein, sagte der Bursch, er wäre nicht drin gewesen. »Nun, das werde ich gleich sehen,« sprach der Mann, und da er nun sah, daß der Bursch dennoch drin gewesen war, sagte er: »Nun kann ich Dich nicht länger schonen, jetzt musst Du das Leben verlieren.« Aber der Bursch weinte und bat so lange, bis er denn zuletzt wieder mit einer Tracht Schläge davon kam, aber die war denn auch nicht schlecht. Als er sich davon erholt hatte, führte er wieder ein herrliches Leben; und er und der Mann waren wieder eben so gute Freunde, wie zuvor.