24.
Lillekort.6
Es waren einmal ein Paar Eheleute, die wohnten in einer elenden Hütte, worin Nichts war, als die liebe Armuth; denn sie hatten weder zu beißen, noch zu brocken. Hatten sie aber sonst Nichts, so hatten sie doch einen Gottessegen an Kindern, und jedes Jahr bekamen sie noch mehr. Nun war es eben um die Zeit, daß sie wieder eins erwarteten. Darüber war der Mann sehr verdrießlich und murrte und brummte den ganzen Tag und sagte, nachgerade könne es doch wohl einmal Genug sein von diesen Gaben Gottes. Und als die Zeit kam, da die Frau gebären sollte, ging er fort ins Holz, weil er, wie er sagte, den neuen Schreihals nicht hören wollte; denn er bekäme ihn doch noch früh genug zu hören, sagte er: wenn er nachher nach Essen grölte.
Als der Mann gegangen war, gebar die Frau einen allerliebsten Knaben, der sah sich in der Stube rings um, that den Mund auf und sprach: »Liebe Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und einen Schnappsack mit Essen auf ein paar Tage; dann will ich hinauswandern in die Welt und mein Glück versuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch noch Kinder genug zu ernähren.« — »Ach, Gott helfe mir, mein Sohn!« sagte die Mutter: »Du bist ja noch viel zu klein, um schon in die Welt auszuwandern; das kann ich nimmermehr zugeben.« Aber der Knabe bat so lange, bis die Mutter ihm zuletzt einige alte Lappen zusammensuchte und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit schritt er froh und fröhlich hinaus in die Welt. Kaum aber war er gegangen, so gebar die Frau noch einen Knaben, der sah auch um sich her und sagte darauf: »Ach, liebe Mutter, gieb mir nur ein paar alte Kleider von meinen Brüdern und auf ein paar Tage zu essen, dann will ich hinauswandern in die Welt und meinen Zwillingsbruder aufsuchen; denn Du hast, wie ich wohl sehe, doch noch Kinder genug zu ernähren.« — »Ach, Gott helf mir! Du bist ja noch viel zu klein, Du armer Wicht!« sagte die Frau: »das kann ich nimmermehr zugeben.« Aber der Knabe bat so lange, bis sie ihm denn einige alte Lappen zusammensuchte und ihm etwas Essen in ein Tuch knüpfte, und damit wanderte er noch so mannhaft in die Welt hinaus, um seinen Zwillingsbruder aufzusuchen. Als er nun eine Zeitlang fortgewandert war, wurde er seinen Bruder ansichtig. »Holla, heda!« rief er ihm zu: »Du legst ja los, als ob's für Geld ginge. Du hättest doch erst ein wenig warten und Dich nach Deinem jüngern Bruder umsehen sollen, eh' Du so patzig in die Welt hinausmarschirtest.« Der älteste Bruder stand still und sah sich nach ihm um, und als nun der jüngste zu ihm gekommen war und ihm erzählt hatte, wie die Sache zusammenhing, und daß er sein Bruder sei, sagte er: »Aber jetzt wollen wir uns hier niedersetzen und mal zusehen, Was unsre Mutter uns zum Mundschmack mitgegeben hat,« und darauf setzten sie sich nieder und erfrischten sich.
Wie sie nun etwas weiter gegangen waren, kamen sie zu einem Bach, der durch ein grünes Feld floß. Da sagte der jüngste: »Hier wollen wir einander einen Namen geben, da man uns zu Hause doch nicht getauft hat, weil wir so schnell ausgewandert sind.« — »Wie willst Du denn heißen?« fragte der älteste. »Ich will Lillekort heißen,« erwiederte der andre: »und Du?« — »Ich will König Lavring heißen,« sagte der älteste. Nun tauften sie einander und gingen dann weiter. Endlich kamen sie zu einem Kreuzweg, und nun wurden sie darüber einig, daß jeder seine eigne Straße ziehen sollte. Sie trennten sich daher; aber sie waren noch nicht sehr weit gegangen, so trafen sie wieder zusammen. Sie trennten sich darauf abermals, und jeder zog seine Straße; aber ehe sie sich's versahen, waren sie wieder beisammen, und so geschah es auch zum dritten Mal. Da verabredeten sie, daß jeder nach einer besondern Richtung, nämlich der eine nach Osten, und der andre nach Westen, gehen solle. »Kommst Du aber einmal in Noth und große Gefahr,« sagte der älteste: »dann rufe mich nur dreimal laut bei Namen, alsdann werde ich Dir zu Hülfe kommen; aber Du musst mich ja nicht rufen, eh' Du nicht in der äußersten Noth bist.« — »Dann wird's wohl lange dauern, eh' wir uns wiedersehen,« versetzte Lillekort. Darauf sagten sie einander Lebewohl, und jeder zog seines Weges, Lillekort nach Osten, und König Lavring nach Westen.
Als nun Lillekort eine gute Weile gewandert hatte, begegnete ihm ein altes, krummpuckliges Weib, das nur ein Auge hatte; das stahl Lillekort ihr. »Au! au!« rief das Weib: »wo ist mein Auge geblieben?« — »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir wiedergebe?« sagte Lillekort. »Ich gebe Dir ein Schwert, womit Du eine ganze Kriegsmacht niedermetzeln kannst, und wenn sie auch noch so groß wäre,« antwortete das Weib. »Ja, gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf das Schwert und erhielt dafür ihr Auge zurück. Nun ging Lillekort weiter, und nach einer Weile begegnete ihm wieder ein altes krummpuckliges Weib mit einem Auge, das stahl Lillekort ihr, eh' sie wußte, wie ihr geschah. »Au! au! wo ist mein Auge geblieben?« rief sie. »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir wiedergebe?« sagte Lillekort. »Ein Schiff, das über Süß- und Salzwasser, über Berg' und tiefe Thäler geht,« antwortete das Weib. »Ja, gieb her!« sagte Lillekort. Das Weib gab ihm darauf ein ganz kleines Schiff, so klein, daß man's in die Tasche stecken konnte, und dafür erhielt sie ihr Auge zurück, und jeder ging seines Weges. Als Lillekort nun wieder eine gute Strecke gewandert war, begegnete ihm zum dritten Mal ein altes krummpuckliges Weib mit einem Auge; das stahl Lillekort ebenfalls, und als das Weib schrie und sich geberdete und fragte, wo ihr Auge geblieben sei, sagte Lillekort: »Was giebst Du mir, wenn ich's Dir wiedergebe?« — »Ich lehre Dir die Kunst, hundert Lasten Malz auf einmal zu verbrauen,« sagte sie. Für diese Kunst erhielt nun das Weib ihr Auge zurück, und jeder zog seines Weges.
Als nun Lillekort ein kleines Ende gegangen war, wollte er einmal das Schiff probiren. Er nahm es daher aus der Tasche und steckte den einen Fuß hinein; da ward das Schiff weit größer; und als er nun auch den andern Fuß nachzog, ward es so groß, wie die Schiffe, die in der See gehen. Da sprach Lillekort: »Fahr hin über Salzwasser und Süßwasser, über Berg' und tiefe Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!« — und fort saus'te das Schiff, wie ein Vogel durch die Luft, bis daß es zum Königsschloß kam; da stand es still. Drinnen im Schloß aber hatten die Leute von den Fenstern aus gesehen, wie Lillekort dahergesegelt kam. Darüber waren nun Alle sehr verwundert und liefen hinunter, um zu sehen, was Das für Einer wäre, der so auf einem Schiff durch die Luft gefahren kam. Während sie aber hinunterliefen, war Lillekort schon aus seinem Schiff herausgestiegen und hatte es wieder in die Tasche gesteckt; denn sowie er nur mit den Füßen hinaustrat, ward es wieder so klein, als es war, da er es von der Alten bekommen hatte. Die Leute vom Königsschloß sahen nun nichts Anders, als einen kleinen in Lumpen gehüllten Knaben, der da am Ufer stand. Der König fragte ihn, wo er her wäre. Der Knabe aber sagte, das wüßte er nicht, und eben so wenig wußte er zu sagen, auf welche Weise er hergekommen sei, bat aber inständig um einen Dienst auf dem Schloß und sagte, wenn sie nichts Anders für ihn zu thun hätten, so könne er ja der Köchinn Holz und Wasser zutragen. Diese Bitte ward ihm denn auch gewährt. Als Lillekort aber auf das Schloß kam, sah er, daß Alles, sowohl inwendig, als auswendig, selbst die Wände und das Dach, mit Schwarz bezogen war. Er fragte deßhalb die Köchinn, Was das zu bedeuten hätte. »Das will ich Dir sagen,« antwortete die Köchinn: »Die Königstochter ist schon vor langer Zeit an drei Trollen versprochen worden, und am nächsten Donnerstag-Abend wird der eine kommen und sie abholen. Der Ritter Röd hat sich zwar verbürgt, sie zu befreien; aber Gott mag wissen, ob er's kann, und darum ist hier Alles so voll Sorge und Betrübniß, wie Du wohl denken kannst.«
Als es nun am Donnerstag-Abend um die Zeit war, führte der Ritter Röd die Prinzessinn hinaus ans Meerufer — denn da war es, wo der Troll sie abholen wollte — und da sollte nun der Ritter Röd sie in Schutz nehmen; aber er that dem Trollen eben keinen großen Schaden, will ich glauben; denn kaum hatte die Prinzessinn sich am Ufer niedergesetzt, so kroch der Ritter auf einen großen Baum, welcher da stand, und verbarg sich zwischen die Zweige, so gut er konnte. Die Prinzessinn weinte und bat ihn so flehentlich, er möchte sie doch nicht verlassen; aber der Ritter Röd achtete nicht auf ihr Bitten, sondern sagte: »Es ist besser, daß Einer das Leben verliert, als daß Zwei umkommen.«
Inzwischen bat Lillekort die Köchinn um Erlaubniß, ein wenig an den Strand zu gehen. »O, Was willst Du da?« sagte die Köchinn: »Du hast da Nichts zu thun.« — »Ach ja, liebe Köchinn, laß mich nur hingehen,« sagte Lillekort: »ich wollte so gern mit den andern Kindern ein wenig spielen.« — »Na, geh denn!« sagte die Köchinn: »aber daß Du nur nicht länger ausbleibst, als bis der Kessel zum Abendessen über's Feuer gehängt, und der Braten an den Spieß gesteckt wird! und bring' dann einen tüchtigen Armvoll Holz mit in die Küche!« Ja, das wollte Lillekort nicht vergessen, und damit lief er fort ans Ufer.
Als er eben dort ankam, wo die Königstochter saß, kam auch schon der Troll dahergesaus't, er war so groß und so dick, daß es ganz abscheulich aussah, und fünf Köpfe hatte er. »Feuer!« schrie der Troll. »Feuer gleichfalls!« sagte Lillekort. »Kannst Du fechten?« rief der Troll. »Kann ich's nicht, so kann ich's lernen,« sagte Lillekort. Darauf schlug der Troll mit einer dicken eisernen Stange, die er in der Faust hielt, nach ihm, so daß die Erde ihm fünf Ellen hoch über den Kopf flog.