Kaum sah der Ritter Röd, daß alle Gefahr vorbei war, als er von dem Baum herunterkroch und die Königstochter wieder durch Drohungen dahin vermochte, zu sagen, er sei es, der sie befrei't habe. Darauf geleitete er sie zurück nach dem Schloß; und hatte man ihm zuvor noch nicht Ehre genug angethan, so that man es jetzt. Der König sann und dachte auf nichts Anders, als wie er ihn gebührend dafür belohnen sollte, daß er seine Tochter von den drei Trollen befrei't hatte, und es däuchte ihm jetzt das Allergeringste, wenn er ihm die Prinzessinn und das halbe Reich gäbe. Am Hochzeitstage aber bat die Prinzessinn, daß man ihr den kleinen Buben, der in der Küche sei und der Köchinn Holz und Wasser zutrüge, zum Mundschenken bei der Hochzeitstafel geben möchte. »Ach, was willst Du mit dem schmutzigen Lumpenjungen?« sagte der Ritter Röd. Aber die Prinzessinn sagte, daß sie ihn zum Mundschenken haben wolle, und keinen Andern; und da mußte man ihr denn nachgeben.

Hierauf ging Alles so, wie es zwischen Lillekort und der Königstochter verabredet war. Lillekort verschüttete dreimal einen Tropfen Wein auf den Teller des Ritters Röd, und jedesmal ward der Ritter zornig und schlug ihn. Beim ersten Schlag fiel dem Knaben das Lumpenkleid ab, das er in der Küche trug; beim zweiten Schlag fiel ihm das Kleid von Messing ab, und beim dritten Schlag das silberne Kleid, so daß er nun da stand in seinem goldnen Kleide, so blank und prächtig, daß es nur so glitzerte. Da sagte die Königstochter: »Schande über Dich, daß Du meinen Herzgeliebten schlägst; denn er hat mich befrei't, und ihn will ich haben!« Der Ritter Röd schwur und fluchte, daß er es sei, der sie befrei't hätte, und kein Andrer. Da sprach der König: »Wer meine Tochter befrei't hat, der kann auch wohl die Wahrzeichen aufweisen.« Da lief der Ritter Röd hin und holte sein Tuch mit den Lungen und Zungen; Lillekort aber holte das Gold und Silber und alle die Kostbarkeiten, die er aus dem Trollschiff mitgenommen hatte, und jeder legte das seinige vor den König hin. Da sprach der König: »Wer solche kostbare Sachen von Gold und Silber und Diamanten aufzuweisen hat, der muß auch wohl die Trollen getödtet haben; denn Dergleichen findet man nicht bei Andern.« Und darauf wurde der Ritter Röd in die Schlangengrube geworfen, und Lillekort sollte jetzt die Prinzessinn und das halbe Reich haben.

Als nun der König eines Tages mit Lillekort spazieren ging, fragte dieser ihn, ob er nicht noch mehr Kinder hätte. »Ja,« sagte der König: »ich habe noch eine Tochter gehabt; aber die hat mir ein Troll genommen, weil hier Niemand war, der sie befreien konnte. Kannst Du sie aber befreien, so sollst Du auch sie und das andre halbe Reich dazu haben.« — »Ich will's versuchen,« sagte Lillekort: »dann muß ich aber eine eiserne Kette haben, fünfhundert Ellen lang, und fünfhundert Mann muß ich mit haben und Proviant für sie auf funfzehn Wochen; denn ich muß weit zur See fort.« Ja, das sollte er alles bekommen; nur befürchtete der König, er möchte kein Schiff haben, welches groß genug wäre, alles das zu tragen. »Ich habe selbst ein Schiff,« sagte Lillekort und nahm aus seiner Tasche das Schiff hervor, welches das alte Weib ihm gegeben hatte. Der König lachte und meinte, es wäre bloß sein Scherz; aber Lillekort sagte, man solle ihm nur Alles geben, was er verlangt hätte, dann solle der König nachher schon sehen. Man brachte hierauf alle die Sachen zusammen, und nun wollte Lillekort, daß man zuerst die eiserne Kette ins Schiff legen sollte; aber da war kein Einziger, der sie aufzuheben vermochte, und Viele konnten nicht auf einmal Platz um das kleine Schiff bekommen. Da nahm Lillekort selbst die Kette an dem einen Ende und legte einige Ringe davon ins Schiff, und wie er sie nach und nach weiter hineinbrachte, ward das Schiff immer größer, und zuletzt ward es so groß, daß sowohl die Kette, als die fünfhundert Mann nebst dem Proviant, und Lillekort sehr gut Platz darin hatten. Da sprach Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe Thäler, bis daß du kommst, wo des Königs Tochter ist!« und sogleich fuhr das Schiff davon, daß es zischte und braus'te, über Land und über Wasser. — Als sie nun eine lange, lange Zeit gesegelt hatten, stand das Schiff eines Tages plötzlich auf der See still. »Ja, nun sind wir glücklich an Ort und Stelle gekommen,« sagte Lillekort: »wie wir aber wieder fortkommen werden, das steht noch dahin.« Darauf nahm er die eiserne Kette und band sich das eine Ende um den Leib. »Jetzt muß ich zu Boden,« sagte er: »Wenn ich aber nachher wieder herauf will und einen starken Ruck an die Kette thu', dann müsst Ihr alle auf einmal anziehen für einen Mann, sonst kostet es mir und Euch das Leben,« und damit sprang er ins Wasser, daß die Wellen über ihn zusammenschlugen. Er sank tiefer und immer tiefer, und endlich kam er auf den Grund. Dort sah er einen Berg, worin eine Thür war, und da ging er hinein. In dem Berge nun fand er die Prinzessinn, welche eben mit ihrem Nähzeug beschäftigt war. »Ach, Gott sei Lob!« rief sie, als sie Lillekort erblickte, und klatschte in die Hände: »noch habe ich keine Menschenseele gesehen, so lange ich hier bin.« Lillekort sagte ihr, daß er gekommen sei, um sie wieder zu ihrem Vater zurückzubringen. »Ach, mich bekommst Du nicht mit,« sagte sie: »das wird Dir nicht gelingen; denn bekommt der Troll Dich zu sehen, kostet es Dir das Leben.« — »Gut, daß Du von ihm sprichst!« sagte Lillekort: »Wo ist er? Es könnte spaßhaft sein, ihn zu sehen.« Die Königstochter erzählte ihm darauf, daß der Troll ausgegangen wäre und Jemanden suchte, der hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne; denn der Troll wollte ein Gastmahl geben, und dabei verschlug keine geringere Quantität. »Das kann ich,« sagte Lillekort. »Wenn nur der Troll nicht so jachzornig wäre, daß ich es ihm sagen könnte, eh' er Dich erblickt,« versetzte die Prinzessinn: »aber er ist so wüthend, daß er Dich den Augenblick in Stücke zerreißt, wenn er Dich gewahr wird. Indessen verbirg Dich nur hier so lange in den Bettverschlag, dann will ich sehen, Was zu thun ist.« Das that denn Lillekort, und kaum war er in seinem Versteck, so kam auch schon der Troll an. »Houf! es riecht hier so nach Menschenfleisch!« rief er. »Ja, es flog hier ein Vogel über's Dach mit einem Menschenknochen im Schnabel, den ließ er durch den Schornstein fallen,« versetzte die Königstochter: »ich habe mich zwar beeilt, ihn hinwegzuschaffen, aber es muß wohl noch der Geruch davon zurückgeblieben sein.« — »Ja, das ist's wohl!« sagte der Troll. Darauf fragte die Prinzessinn ihn, ob er Jemanden gefunden habe, der hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne. »Nein, da ist Keiner, der das kann,« sagte der Troll. »Vor einer Weile war Einer hier, der sagte, er könnte es,« versetzte die Königstochter. »Du bist nun immer so klug,« sagte der Troll: »warum ließest Du ihn denn gehen? Du wußtest doch, daß ich eben einen Solchen suche.« — »Ich hab' ihn auch nicht gehen lassen,« versetzte die Königstochter: »aber Du bist nun gleich immer so jachmüthig; darum verbarg ich ihn derweil in den Bettverschlag. Wenn Du also noch keinen tüchtigen Brauer gefunden hast, so kannst Du's ja mit ihm versuchen.« — »Ja, laß ihn kommen!« sagte der Troll. Als Lillekort nun hervorkam, fragte der Troll ihn, ob es wahr sei, daß er hundert Lasten Malz auf einmal zu Bier brauen könne. »Ja, das ist wahr,« antwortete Lillekort. »So ist's gut, daß ich Dich bekam,« sagte der Troll: »mach Dich nur gleich an die Arbeit! Aber Gnade Dir Gott, wenn Du das Bier nicht stark genug brau'st.« — »Es soll schon Geschmack kriegen,« sagte Lillekort und stellte sogleich das Geschirr zurecht. »Ich muß aber mehr Männer zum Zutragen haben,« sagte er: »denn die paar, die ich bekommen habe, können nicht Viel ausrichten.« Er erhielt nun noch mehr Leute, so viele, daß es von ihnen wimmelte, und darauf ging das Brauen los. Als nun die Würze fertig war, wollten Alle sie kosten, zuerst der Troll selbst, und nachher die Andern. Aber Lillekort hatte die Würze so stark gebrau't, daß sie todt umfielen, wie die Fliegen, sowie sie davon tranken. Zuletzt war Niemand mehr übrig, als ein altes kümmerliches Weib, das hinter dem Ofen lag. »Ach, Du Arme!« sagte Lillekort: »Du musst doch auch meine Würze kosten,« und damit ging er hin und füllte mit der Bütte auf, Was noch am Boden übrig geblieben, und gab es ihr. Da war er sie alle insgesammt quitt.

Als er nun da stand und sich umsah, ward er eine große Kiste gewahr, die nahm Lillekort und packte sie voll Gold und Silber, umschlang dann sich und die Prinzessinn und die Kiste mit der eisernen Kette und that einen Ruck daran aus allen Kräften. Da zogen die Leute auf dem Schiff alle auf einmal an und brachten sie gesund und behalten wieder herauf. Nun sprach Lillekort: »Fahr hin über Süßwasser und Salzwasser, über Berg' und tiefe Thäler, bis daß du kommst zu des Königs Schloß!« — und sogleich fuhr das Schiff davon, daß der Schaum zu beiden Seiten stand. Als Die, welche auf dem Schloß waren, das Schiff ankommen sahen, zogen sie alsbald hinaus mit Gesang und Spiel und empfingen Lillekort mit großer Freude. Am frohesten von Allen aber war der König, der jetzt seine Tochter wieder bekommen hatte.

Nun war aber Lillekort in Verlegenheit wegen der Prinzessinnen; denn beide wollten ihn haben, und er wollte nur die haben, welche er zuerst befrei't hatte, und das war die jüngste. Er sann und dachte lange darüber nach, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen sollte; denn die jüngste wollte er nicht fahren lassen, und der andern wollte er auch nicht gern zuwider sein. Da fiel es ihm ein, wenn jetzt sein Bruder, König Lavring, da wäre, der ihm so ähnlich sah, daß Keiner sie von einander zu unterscheiden vermochte, so könnte der die andre Prinzessinn und das halbe Reich bekommen; denn er selbst wollte sich gern mit der einen Hälfte begnügen. Wie gedacht, so gethan: er ging vor's Schloß und rief laut den König Lavring bei Namen; aber es kam Niemand. Da rief er noch lauter; aber es fand sich auch diesmal Keiner ein. Zuletzt rief er aus allen Kräften — und da stand plötzlich sein Bruder vor ihm. »Ich sagte Dir ja, Du solltest mich nicht eher rufen, als bis Du in der äußersten Noth wärst,« sprach er: »und hier ist ja keine Mücke, die Dir Was zu Leide thun kann,« und damit schlug er auf ihn zu, daß Lillekort über die Wiese hinpurzelte. »Schande über Dich, daß Du mich so schlägst!« sagte Lillekort: »Erst hab' ich die eine Königstochter und das halbe Reich gewonnen, und nachher die andre Königstochter und das andre halbe Reich dazu, und nun wollte ich mit Dir theilen und Dir die eine Prinzessinn und die Hälfte des Königreichs abgeben. Däucht es Dir denn recht, mich also zu schlagen?« Als König Lavring das hörte, bat er seinen Bruder um Verzeihung, und da vertrugen sie sich alsbald und waren wieder gute Freunde. Darauf sprach Lillekort: »Du weißt, daß wir einander so ähnlich sehen, daß Niemand uns zu unterscheiden vermag; darum tausche Du jetzt Deine Kleider mit mir und geh hinauf auf das Schloß; dann werden die Prinzessinnen glauben, daß ich es bin, und die, welche Dich dann zuerst küsst, die nimmst Du, und die andre behalt ich.« Also sprach Lillekort; denn er wußte wohl, daß die älteste Königstochter auch die stärkste war, und konnte sich daher wohl denken, wie's kommen würde. König Lavring war sogleich bereit, zu thun, wie sein Bruder ihm gesagt hatte: er tauschte mit ihm seine Kleider und ging aufs Schloß. Als er nun zu den Prinzessinnen eintrat, glaubten sie, es sei Lillekort, und liefen beide sogleich auf ihn zu. Aber die älteste, welche die größte und stärkste war, schob die jüngere Schwester bei Seite, faßte König Lavring um den Hals und küßte ihn. Und so bekam denn König Lavring die älteste, und Lillekort die jüngste Prinzessinn. Da kann sich's denn wohl ereignet haben, daß eine Hochzeit ward, wovon man sich in sieben Königreichen zu erzählen wußte.

25.

Die Puppe im Grase.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Söhne. Als diese groß waren, sagte er zu ihnen, sie sollten fortreisen in die Welt und sich jeder eine Frau suchen, aber die sollte spinnen und weben und ein Hemd in einem Tag fertig nähen können, sonst wollte er sie nicht zur Schwiegertochter haben. Jedem von ihnen gab er ein Pferd und eine ganz neue Rüstung; und darauf reis'ten die Söhne fort in die Welt, um sich eine Frau zu suchen. Als sie aber eine Strecke Weges gereis't waren, sagten sie, Aschenbrödel wollten sie nicht mit haben; denn der tauge doch zu Nichts. Aschenbrödel mußte nun zurückbleiben und wußte gar nicht, wie er's anfangen sollte. Da ward er sehr niedergeschlagen, stieg von seinem Pferd herunter und setzte sich ins Gras hin und weinte. Als er aber eine Weile gesessen hatte, bewegte sich der eine Grasbülten, und es kam daraus eine kleine weiße Gestalt hervor; und als sie näher kam, sah Aschenbrödel, daß es ein niedliches kleines Mädchen war, aber ganz ganz klein. Diese trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht die Puppe im Grase besuchen wolle. Ja, das wollte Aschenbrödel gern und ging mit ihr.

Als er hinunterkam, saß die Puppe im Grase auf einem Stuhl und war so schön und so geputzt; sie fragte Aschenbrödel, wo er hin wolle, und in welchem Geschäft er reise.

Er erzählte ihr nun, daß sie ihrer zwölf Brüder wären, und daß der König, ihr Vater, jedem von ihnen ein Pferd und eine Rüstung gegeben und zu ihnen gesagt hätte, sie sollten in die Welt reisen und sich eine Frau suchen, die solle spinnen und weben und ein Hemd in einem Tag fertig nähen können. »Wenn Du nun das kannst und meine Frau werden willst,« sagte Aschenbrödel: »dann will ich nicht weiter reisen.« Ja, das wollte sie gern und machte sich sogleich an die Arbeit, fing an zu spinnen und zu weben und näh'te das Hemd in einem Tag fertig; aber es ward so klein, so klein, nicht länger, als — so lang.