11.
Östlich von der Sonne und westlich vom Mond.
Es war einmal ein armer Kathenmann, der hatte viele Kinder; er war aber so arm, daß er ihnen weder ordentlich zu essen, noch Kleider auf den Leib geben konnte; dennoch waren die Kinder alle sehr schön; aber am schönsten von allen war doch die jüngste Tochter.
Nun war es einmal an einem Donnerstag-Abend im Spätherbst ein ganz abscheuliches Wetter draußen; es war stockfinster, und dabei regnete und stürmte es, daß die Fenster krachten. Die ganze Familie saß um den Kamin herum, und Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt. Plötzlich klopfte es dreimal laut ans Fenster. Der Mann ging hinaus und wollte zusehen, Was es war, und als er hinauskam, stand da ein großer weißer Bär.
»Guten Abend!« sagte der Bär. »Guten Abend!« sagte der Mann. — »Willst Du mir Deine jüngste Tochter zur Frau geben,« sagte der Bär: »dann will ich Dich so reich machen, als Du jetzt arm bist.« Dem Mann däuchte das nicht übel; aber er meinte, er müßte doch erst mit seiner Tochter ein Wort sprechen, ging hinein und erzählte, wie draußen ein großer weißer Bär stände, der hätte ihm versprochen, ihn eben so reich zu machen, als er jetzt arm wäre, wenn er ihm seine jüngste Tochter zur Frau geben wolle. Das Mädchen sagte aber Nein und wollte Nichts von dem Handel wissen. Da ging der Mann wieder hinaus, sprach gütlich mit dem Bären und sagte, er solle nur am nächsten Donnerstag-Abend wiederkommen; inmittlerzeit wolle er schon sehen, Was bei der Sache zu thun wäre. Sie überredeten nun das Mädchen und schwatzten ihr Allerlei vor von dem großen Reichthum, wozu sie gelangen würden, und wie gut sie es selbst bekäme. Da gab sie denn endlich nach, wusch ihre paar Lappen, die sie hatte, rein, putzte sich heraus, so gut sie konnte, und hielt sich reisefertig.
Als am nächsten Donnerstag-Abend der Bär wiederkam, ja, da war's richtig; das Mädchen setzte sich mit ihrem Bündel auf seinen Rücken, und fort ging's. Als sie ein gutes Ende hinausgekommen waren, fragte der Bär sie: »Bist Du auch bange?« Nein, das war sie ganz und gar nicht. »Halt Dich nur immer gut an meinen Zotteln fest,« sagte der Bär: »dann hat's keine Noth.«
Nun ritt sie auf dem Rücken des Bären weit, weit in die Welt hinaus, — kein Mensch kann sagen, wie weit es eigentlich war — und zuletzt kamen sie zu einem großen Felsen; da klopfte der Bär an, und nun öffnete sich eine Pforte, durch welche sie in ein großes Schloß gelangten; drinnen waren viele von Lampen erleuchtete Zimmer, und Alles strahlte von Gold und von Silber; auch war da ein großer Saal, und in dem Saal stand ein Tisch, der war mit den herrlichsten Gerichten besetzt. Nun gab der Bär ihr eine silberne Glocke und sagte, wenn sie sich irgend Etwas im Schloß wünsche, dann solle sie nur damit klingeln, alsdann würde sie es sogleich bekommen. Wie sie nun gegessen und getrunken hatte und gegen Abend müde wurde und sich zu Bett legen wollte, klingelte sie nur mit der Glocke — und sogleich öffnete sich eine Kammer, worin ein aufgemachtes Bett stand, so schön, wie man's sich nur wünschen konnte, mit seidenen Kissen und Vorhängen mit Goldfransen, und Alles, was sich in der Kammer befand, war ebenfalls von Gold und von Silber. Wie sie aber nun das Licht ausgelöscht und sich ins Bett gelegt hatte, kam ein Mensch an und legte sich zu ihr, und so geschah es jede Nacht; aber sie bekam ihn nie zu sehen, denn er kam immer erst, wenn sie schon das Licht ausgelöscht hatte, und ging wieder fort, eh' es noch Tag wurde. So lebte sie nun eine Zeitlang ruhig und zufrieden; aber endlich bekam sie eine so große Sehnsucht, ihre Ältern und Geschwister wiederzusehen, daß sie ganz still und traurig ward. Da fragte der Bär sie eines Tages, Was ihr fehle, daß sie immer so still und sinnig wäre. »Ach,« sagte sie: »es wird mir hier so öde im Schloß, denn ich möchte so gern meine Ältern und meine Geschwister einmal wiedersehen.« — »Dazu kann Rath werden,« sagte der Bär: »aber Du musst mir versprechen, daß Du nie mit Deiner Mutter allein reden willst, sondern nur, wenn die Andern zugegen sind; denn sie wird Dich wohl bei der Hand nehmen und Dich in eine Kammer führen wollen, um mit Dir allein zu sprechen; lässt Du Dich aber darauf ein, so machst Du mich und Dich unglücklich.« Nein, sagte das Mädchen, sie wolle sich schon in Acht nehmen.
Am Sonntag kam der Bär und sagte, jetzt könne sie die Reise zu ihren Ältern antreten. Sie setzte sich nun auf seinen Rücken, und damit ging es fort. Wie sie nun eine lange Zeit gereis't waren, kamen sie zu einem großen weißen Schloß, da gingen ihre Geschwister aus und ein, und spielten, und Alles war da so schön und prächtig, daß es eine Lust war, es anzusehen. »Da wohnen Deine Ältern!« sagte der Bär: »Vergiß nun nicht, Was ich Dir gesagt habe; denn sonst machst Du Dich und mich unglücklich.« Nein, sie wollt's nicht vergessen, sagte das Mädchen und ging ins Schloß; der Bär aber kehrte wieder um.
Wie nun die Ältern ihre Tochter wiedersahen, freu'ten sie sich so sehr, daß es gar nicht zu sagen ist, und konnten ihr nicht genug danken für Das, was sie für sie gethan hatte; und sie erzählten ihr, wie sie es nun so außerordentlich gut hätten, und fragten sie, wie es denn ihr ginge. O, ihr ginge es auch recht gut, sagte das Mädchen, sie hätte Alles, was sie sich nur wünschte. Was sie noch weiter sagte, weiß ich nicht recht; aber ich glaube, sie gab ihnen doch keinen ordentlichen Bescheid. Am Nachmittag, als sie gegessen hatten, geschah es, wie der Bär ihr gesagt hatte: die Mutter wollte mit der Tochter allein in der Kammer sprechen; aber das Mädchen dachte an die Worte des Bären, und wollte nicht mit ihr gehen, sondern sagte: »O, Das, was wir zu sprechen haben, können ^ wir immer hier sprechen.« Nun weiß ich aber nicht, wie es recht kam, die Mutter überredete sie doch zuletzt, und da mußte sie ihr denn Alles erzählen, was sie wußte. Sie erzählte ihr nun auch, wie des Abends, wenn sie das Licht ausgemacht hätte, immer ein Mensch käme und sich zu ihr ins Bett legte; aber sie bekäme ihn nie zu sehen, denn eh' es Tag würde, wäre er immer wieder fort, sagte sie, und darüber wäre sie so betrübt; denn sie wollte ihn doch so gern sehen, und der Tag würde ihr so lang, weil sie immer so allein wäre. »Wer weiß! das ist gewiß ein Troll, der bei Dir schläft,« sagte die Mutter: »Wenn Du aber meinem Rath folgen willst, so steh mal des Nachts auf, wenn er eingeschlafen ist, und zünde ein Licht an und sieh zu, was es für Einer ist; aber nimm Dich in Acht, daß Du keinen Talg auf ihn tröpfelst.«
Am Abend kam der Bär wieder und holte das Mädchen ab. Wie sie nun ein Ende hinausgekommen waren, fragte er sie, ob es nicht so gekommen sei, wie er gesagt hätte. »Ja,« das konnte das Mädchen nicht leugnen. »Hast Du nun auf den Rath Deiner Mutter gehorcht,« sagte der Bär: »dann machst Du Dich und mich unglücklich; und mit uns beiden ist dann die Freundschaft aus.« Nein, das hätte sie nicht gethan, sagte sie.