Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd wußte eigentlich noch heute, d. h. im Jahre 1674, nicht, wo er sich eigentlich befinde, und das war gar nicht so sonderbar. Seit er Anno Dreißig mit dem großen Gustavus Adolfus, dem streitbaren Löwen aus Mitternacht, auf Usedom in der pommerschen Bucht landete, war er sechzehn Jahre lang durch solchen Wirrwarr hin- und hermarschiert, daß für einen Mann, der nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Geographie zu studieren, sich das Bild der Welt wohl verwirren mochte. Hatte doch selbst der Oberst Wrangel, unter dessen Kommando er damals seine Kriegszüge begann, und der während der Zeit längst Feldmarschall geworden war, Mühe, sich in dieser Beziehung die Landkarte klar zu halten.
„Donner und Nordlicht!“ sagte der Korporal am 7. August 1674, legte sich schwer auf den rechten Ellenbogen und schlug mit der linken Faust auf den Tisch. Ja wohl, ein Mann, dessen Leben dicht an der Grenze des ewigen Eises, dem Nordpol nahe, begonnen hatte, der den Krieg mit allen Nationen Europas, mit Deutschen, Franzosen und Hispaniern, mit Italienern, Dänen, Polen und Moskowitern sah, der dann sechsundzwanzig Jahre des tiefsten Friedens unter dem Hirtenvolk des Vorarlberges vollendet hatte, mochte wohl bei einiger Überlegung seines Daseins: Donner und Nordlicht! sagen.
Die Frau Fortunata hatte am Fallenbach wohl nicht gedacht, welch eine schwere Last sie sich für die nächsten Zeiten durch ihr gutes Herz auf den Hals lud. Sie bekam ihre große Not mit ihrem Schweden, dem noch drei Jahre lang nach dem Sturm auf Bregenz das ganze Land rings umher nach dem Leben stand. Es fand sich, daß sie ihn nur dadurch vor allen den verschiedenen Nachstellungen retten konnte, daß sie ihn zur Kindsmagd machte, dem wilden Arkebusierer ihr unmündig Töchterlein zur Wartung in die Arme gab und ihn im Haus an ihr Schürzenband geknüpft hielt, bis das erste Gras über die Blutzeit gewachsen war, bis die Alten den „schwedischen Mann“ ohne Mordsinn ansehen konnten, und die Jungen ihn als ein natürlich gegeben Ding nahmen.
Da saß der Korporal Sven Knäckabröd denn in den Bergen verzaubert neben der Wiege der kleinen Aloysia: er, der mit dem glorreichen und sieghaften König Gustavus Adolfus über das Meer gefahren war und in hundert grimmigen Schlachten in die Linie rückte gegen den Tilly, den Wallenstein, den Pappenheim und hundert andere gewaltige Kriegshauptleute! Da saß er und spann nicht nur Trübsal, sondern auch wirklichen Flachs und Werg, und wenn das Kind schrie, so rief die Frau Fortunata: „He, Schwen, sing ihm!“ und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd sang.
Potz Lappland und kein Ende — dabei ließ sich dann recht hübsch an allerhand anderes denken! Zum Beispiel an die graue, nebelige, flammende Ebene von Breitenfeld oder von Lützen, an den Kommandoruf vor der Front, an die rasselnden Reitergeschwader, die blauen und gelben Fußregimenter, wie sie gegen die kaiserlichen Batterieen am Floßgraben vorstürzten, zurückfluteten, wieder vorstürzten, unter den Hufen und Füßen die Toten und die Verwundeten in Harnisch und in Büffelwams zerstampften!
Wenn dann wieder der Kommandoruf der Wirtin zur Taube in solche Träumereien klang, gab es wohl ein sonderlich Auffahren, und ohne die kleine Aloysia hätte das Ding am letzten Ende doch noch einen traurigen Ausgang mit dem armen, verloren gegangenen schwedischen Mann genommen.
3.
Du lieber Himmel, eine Zeitlang, so um das Jahr 1665 herum, trug er, der Korporal, sich mit dem Gedanken, ob er sich nicht dadurch am leichtesten ranzionieren und zugleich seinem dankbaren Gemüte am angenehmsten Genüge leisten könne, wenn er die junge Wittib freie und selber Taubenwirt zu Alberschwende werde. Eine Weile lang hatte der gute Sven die größte Lust, auch einmal das Wagstück auszuführen und zu rufen: „Ho, Frau Fortunata, sing!“, aber zuletzt wagte er es doch nicht, abgesehen davon, daß er seinen lutherischen Glauben, oder vielmehr den Glauben hochseliger königlicher Majestät Gustavi Adolfi — denn er selbst machte sich nicht viel daraus — doch nicht gern in die Schanze schlagen wollte.
Es blieb also dabei: „He, Korperal, sing!“ und Sven Knudson Knäckabröd sang; aber wie melodisch, das wollen wir lieber doch nicht weiter aufrühren. Er war eine gute Kindsmagd, und als seine Dienstjahre in dieser Hinsicht als beendet angesehen werden konnten, da tat ihm das fast leid, und als braver Veteran behielt er für alle Zeiten eine tiefe Zuneigung zu dem frühern Dienstverhältnis. Als die kleine Aloysia zehn Jahre alt geworden war, hatte das Gebirgsvolk so ziemlich vergessen, auf welche Art und Weise der schwedische Mann in seine Mitte geraten war, und die Frau Fortunata konnte ihn allein laufen lassen.
Er lief aber immer noch nicht allein; auch die kleine Aloysia Madlener hielt fürderhin in Treuen an ihm, und die beiden schickten sich gar wohl in einander im Dorf, im Wald und auf den Matten bei jeglicher Lust und Arbeit.