5.
Es war gar lieblich auf den Wassern, vorzüglich für einen, der in so seltsamer Stimmung darüber hinfuhr, wie der schwedische Hirt von der Lorena. Wenn es still am Ufer unter dem Fürberg war, so war’s noch viel stiller auf der von der Nachmittagssonne beglänzten Bucht von Bregenz, und der Korporal Sven hatte eine gute Fahrt. Er saß und hielt die Hände vor dem Bauch gefaltet und ließ sein Schifflein gleiten vor dem Winde. Wie jetzt das Ufer hinter ihm versank, oder die Berge sich vielmehr heraushoben, so hob sich nun auch vor ihm das niedrigere Hügelland des Allgäus, und vor allem wie eine Stadt aus dem Wunderschatz der Frau Saga die freie Reichsstadt Lindau.
Die grauen Mauern, deren Grund der römische Kaiser Tiberius Claudius Nero legte, als er hier die Rhätier und Vindelicier besiegt hatte, lagen noch stiller da als der See. Die alten Linden nickten freundlich-schläfrig von den Bastionen, und die grün und silbern, rot und goldfarbig glänzenden Turmdächer von Sankt Peter und der heiligen Dreifaltigkeit — den Diebesturm nicht zu vergessen — luden förmlich behaglich wie aus der Luft, so aus dem Wasser, den braven Korporal Sven Knudson Knäckabröd zum Näherkommen ein. In dem kleinen Hafen lagen ruhig, nur da und dorten von einem weißen Spitzhund bewacht, die Lädinen und Halblädinen, die Segner und Halbsegner und dazwischen die Lustgondeln der wohlhabenden Reichsstädter, soweit sie sich nicht zu Bregenz befanden. Nur eine Bürgerschildwacht war auf der Mauer zu erblicken, und die schlummerte sanft auf ihre Partisane gestützt. Das Lebendigste auf dem Wall zu Lindau im See waren um diese Stunde die Fliegen, welche in Scharen über den erwärmten Geschützrohren summten.
Der Kahn des Schweden schoß, durch den Schatten der Lastschiffe hin, in den Hafen hinein und an die Hafentreppe, und als der Korporal sein Schifflein mit einem letzten Ruderschlag dort antrieb, fragte ihn niemand um das Wohin und Woher, und das war recht gut; denn im Augenblick hätte er vielleicht auf beides keine Antwort zu geben gewußt. Seit dem Kolbenschlag am roten Egg war ihm nicht so verworren zu Mute gewesen, aber trotz allem war ihm heut’ doch die Welt behaglicher als damals, wo er sich auf dem blutigen Strohlager am Schanktisch in der Taube zu besinnen suchte.
Doch wer auf eine solche Weise, wie er, im Hafen von Lindau anlangte, der mochte, nachdem das Schifflein am Lande lag, wohl selbst den Hut hin und wieder rücken um die Frage: Was nun? und wohin nun? Der Korporal Sven stand und blickte an der nahen Stadtmauer empor und durch den dunklen Bogen, welcher in das Innere der Stadt führte, hindurch und rieb sich die Stirne. In dem nämlichen Augenblick aber erschien über der Mauerbrüstung ein dicker, roter, von schneeweißem Haar umflusterter Kopf, der sich ächzend auf zwei gewaltige Fäuste legte und entsetzlich gähnend auf den See hinausstarrte. Dasselbige Haupt spie verächtlich von der Mauer der freien Reichsstadt hinab; ein nicht geringer Mund öffnete sich, und — plötzlich — ganz unvermutet und von einer solchen Erscheinung auch gar nicht zu vermuten, fing das Ding an zu singen, und zwar eine Weise, welche im Munde des schwedischen Volkes schon seit mehr denn hundertfünfzig Jahren umging.
Und in schwedischer Zunge sang das Unding auf der Mauer heiser und gräßlich:
„König Gustav reitet nach Dalarne
Zum Thing mit den Dalkarlen sein;
Doch Christiern liegt vor Södermalm