Auf den Mauern der Inselstadt Lindau schritten die wenigen Wachen unter den Linden und zwischen den Geschützen langsam auf und ab, und auch auf ihren Partisanen und Musketen blitzte das Mondenlicht. Der berühmte Gasthof zur Krone, dicht hinter der Stadt- und Hafenmauer gelegen, lag im tiefsten Schatten, bis auf die gleichfalls weiß glänzenden Giebel und die Wetterfahnen. Die beiden späten Zecher, welche jetzt aus demselben hervortraten, standen anfangs ziemlich unschlüssig, ob ihres Weges in dem Dunkel.
„Nicht unter Dach,“ schluchzte der Korporal Sven Hahnentritt. „Bruderherz, nicht unter Dach! Ich hielt’s nicht aus! Mir summt’s im Kopfe, als ob zehntausend Trompeten drin zum Angriff bliesen, mir kocht es in den Adern, als ob die Regimentssudler drin für eine Armee von zwanzigtausend Mann die Feuer schürten. Unter Dach, und wäre es von purem Golde, müßt’ ich ohne Gnad’ und Ranzion elend ersticken.“
„Nicht unter Dach, Bruder,“ schluchzte auch der Korporal Rolf, zu Lindau genannt das Gockele. „Du hältst mich und ich dich, und so kommen wir ohne Halsbrechen jene Walltreppe hinauf, und da setzen wir uns und reden weiter vom glorreichen Schweden und dem großen Könige und dem großen Kriege. Hupp — marsch — hoho, ich glaube, die Weiber nennen das Wehmut, was uns beide am Schopf gepackt hält; ich glaub’, wenn’s möglich wär’, käm’ ich heut’ Nacht zum erstenmal in meinem Leben zum Heulen und Greinen.“
Sie schwankten hinein in den Mondschein und kamen glücklich auf die Mauer, und da saßen sie nieder auf der Bastion auf einer alten bronzenen, wirklich schlangenhaften Wallschlange, die vielleicht schon den Kaiser Maximilian begrüßt hatte, als er zum Reichstag nach Lindau kam, um „die Reichskammergerichtsordnung zu Faden zu schlagen“.
Da saßen sie, ein Paar alter, grauer, nordischer Seebären im Mondenlicht und sahen hinüber nach den Schweizer- und Tirolerbergen und unterredeten sich gar lieblich von neuem. Es waren zwei sehr unromantische Burschen; allein sie hatten beide genug erlebt, daß ihr Gespräch, ohne daß sie es wußten, fühlten und wollten, in hohem Grade romantisch war, vorzüglich der Teil, welchen der Korporal Rolf auf sich zu nehmen hatte.
„Das wird allmählich anjetzo ein Aufsehen um mich da drüben geworden sein,“ sagte Sven. „Hui, lug, da geht noch eine Rakete auf, als ob sie mich zurückriefe. O Rolf Rolfson, es wird mir wunderlicher von Minute zu Minute.“
„Das macht der Mond, und die Feuchtigkeit in der Krone, und der welsche Signor, Kamerad. O Sven, Sven, auch mir steigt es warm und heiß und immer heißer herauf. Stelle dir vor, daß das alte Schweden da so ruhig an seiner Stelle liegen geblieben ist, mit allem, was dazu gehört, und daß wir so weit in der Welt herumgekommen sind zu Roß und zu Fuß, als Sieger und als Gefangene der Weiber und Spießbürger! Es drückt mir das Herz ab, wenn ich jetzt auf das helle Wasser sehe und denke an die Ostsee und die große Flotte und den großen König Gustav, und wie wir landeten, die Mannen aus allen Provinzen, Ost- und Westgoten, Dalkarlen, Finnen, und sogar die einfältigen, albernen Lappen! Wenn ich dran gedenk’, wie wir niederknieten, Gott zu danken, dann wieder aufstanden und an die Arbeit gingen und dabei blieben achtzehn Jahre, achtzehn lange glorreiche Jahre durch! O Bruder Sven, die Schweizer dorten, die reden immer von ihrem Heimweh, auch wenn’s niemand verlangt; aber du, Sven, hast mir das Heimweh heute mitgebracht! Ach Schweden, Schweden! Sven, möchtest du nicht auch nochmalen die blauen und die gelben Regimenter in Linie sehen mit der Sonne auf den Helmen und Kürassen und den Herren Generals und Obristern vor der Front?“
„Sei still, ich komme um!“ winselte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. „Ich habe die Kühe gemelkt und saß zwischen den Käsen, bis gestern morgen; und sie schulterten bis an die Weser vor den gewonnenen Städten, sie schlugen weiter gegen die Polen und gegen die Jüten! Sie schlugen bei Warschau drei Tage lang, sie marschierten über das Eis nach Seeland; um Kopenhagen lagen und ritten sie. Sie schlugen die Russen, und ich hab’ das alles erst heut’ abend durch dich und den welschen Signor erfahren, und ich ließ mich von den Weibern fangen und zum Kinderwarten abrichten, anstatt den Verband abzureißen und in Ehren zu sterben!“
„Du hast es doch noch gut gehabt, Kamerad. Du saßest da in deiner Wildnis und sahest nichts und hörtest nichts, und alle die guten Dinge, von denen du eben sprachst, sind dir freilich erst heute abend zu Kopf gestiegen. Mir aber hat bis zu dieser Stunde die Kugel unseres Feldherrn in der Krone auf dem Herzen gelegen. Ach Korporal Knäckabröd, was meinet ihr, wenn wir den Weg fänden?“
„Den Weg wohin?“ schrie der Hirte von der Lorena.