Nemesis.
Wie liebenswürdig im besten Sinne des Wortes war meine verehrte Freundin, die verwitwete Frau Professor Mentow, gegen uns Gäste gerade heute gewesen, wie viele hübsche und menschenfreundliche Worte waren da in unserer kleinen Gesellschaft hin und her geworfen worden, und wie war der Rotwein doch excellent! Was ist das beste bei einem guten Mittagessen? Die Cigarre nachher, behaupte ich, und deshalb hatte ich mich in den stillsten Winkel eines kleinen Nebenzimmers zurückgezogen und blies in jener behaglichen Stimmung des halb ruhenden Körpers und des halb erregten Geistes künstlerisch vollendete Rauchringe in die Luft.
Ich richtete mich, halb unwillkürlich, schnell aus meiner etwas sehr bequemen Lage auf, als die Dame des Hauses plötzlich und unerwartet vor mir stand.
„Sie sind heute so pessimistisch, so ernsthaft — Sie, der Philosoph des lebenslustigen Humors — hat Ihnen vielleicht Ihr Leibgericht, der Apfelkuchen, nicht geschmeckt?“
„Verehrte Frau, wenn Sie doch einmal in die geheimsten Tiefen meines Gemütes eingedrungen sind, so will ich Ihnen gestehen — ich habe überhaupt gar nichts von dem Apfelkuchen gegessen!“
„Nicht möglich, Sie sind krank!“
„Nein, der Kuchen war an mir vorübergegangen, ehe ich ihn überhaupt gewahrt hatte. Aber, das wundert mich nicht. Heute ist kein guter Tag für mich. Fräulein Emma von Kanten ist ja hier, und sie hat sogar bei Tische neben mir gesessen. Das kann nimmer gut gehen.“
„Sie hat wohl wegen Ihres letzten Feuilletons über die Frauenemancipation mit Ihnen gezankt?“