Mit den Veilchen, mit den Maaßliebchen, mit den ersten Schwalben kam den beiden jungen Leutchen neue Wärme in’s Herz. Sie waren sich gar sehr zugethan und Eins vertrat im Hofe die Vortheile des Andern; war es in der Arbeit, die sie theilten, oder bei Tische, wo sie einander die besten Bissen zuschmuggelten. – Die Liebe solch’ armer Dienstboten hat einen gar seltsamen Reiz, sie wird durch das Beisammensein, durch das Mitsammenleiden, durch das heimliche Verlangen nach Gegenseitigkeit, durch das hingebende Vertrauen zu dem einen Menschen stets neu entfacht und muß sich doch im Verborgenen halten, sich vor dem Hausherrn, vor den Hausgenossen verleugnen, soll sie nicht Gefahr laufen, zerstört zu werden. „So warm ist kein Feuer, keine Gluth ist so heiß, als heimliche Liebe...“
Der Melchior war denn endlich auch recht zutraulich geworden, er lugte dem Mädchen längst nicht mehr durch das Bohrloch in die Augen. Und er hatte auch mehrmals sich schon erkundigt, ob der föhrenrindene Vogel das Eierchen noch nicht gelegt habe, worüber die kleine Butterdirn stets in ihren Lachkrampf verfiel.
Der Melchior war nun volle neunzehn Jahre alt geworden und er empfand es, was das für ein Unterschied ist, ob man achtzehn oder neunzehn zählt. Auch nahm er bereits den Schnurrbart wahr, was die Toni nicht recht glauben wollte, bis er sein Gesicht einmal recht tapfer an ihren rothen Wangen rieb.
Die kleine Buttertoni behauptete bei jeder Gelegenheit, daß sie auch schon gegen die Zwanzig ginge; doch zählte sie in Wahrheit erst über siebzehn ein halb Sommer, deßohngeachtet sprang im Laufe dieses Sommers ein Busenhäklein um’s andere auf.
Es kam der Mai. Die Heerden zogen mit frischgeputzten Schellen angethan wieder in’s Freie und mit ihnen die Halter und Halterinnen, die Kühjungen, die Ochsenwarte, die Senninnen.
Der Melchi trieb jeden Morgen seine Ochsen und Kälber zu den jungen Matten des Hochbodens hinan. In einer Thalung derselben stand ein Schachen mit sehr alten Fichtenbäumen und einigen Föhren, welche den Hirten in Zeiten böser Wetter als Schirmbäume dienten. An diese Baumgruppe schloß sich auch ein junges, grünes Wäldchen aus Tannen und Lärchen, das sehr dicht und dunkel war und auf dessen sanftem Moosboden der Melchi gern ein wenig ruhte, wenn ihm auf der freien Höhe zu sengend, oder auch der Wind zu scharf wurde. Nicht drei Schritte sah man von sich, wenn man in diesem Dickicht lag, sah auch nicht ein groschenbreites Scheibchen von dem blauen Himmel. Kohlschwarze Amseln schwirrten durch das Reisig und riefen: Tack, tack! zir, zir, hast was bei Dir?
Mitten d’rin in diesem jungen, dichten Gestämme fühlte sich unser braver Hirt wieder einmal ganz als sein eigener Herr. Da konnte er auf dem Rücken liegen, oder auf dem Bauch, auf den Füßen stehen oder auf dem Kopf, wen ging’s was an? Da zog er wohl auch mitunter sein Geldbeutelchen heraus und sah das lebkuchene Herz an und betrachtete das Bild mit dem Pärchen, das im Rosenkörbchen saß, und las die Ueberschrift, die längst überholt war, und schleckte endlich ein wenig an dem süßen Kuchen.
Die kleine Toni hatte es nicht so gut; sie mußte, wenn in der Butterkammer nichts zu schaffen war, unten auf der Heukehr die Ziegen weiden und hatte außer den paar Johannisbeersträuchen und Erlstauden gar keinen Schatten. Sie nähte, sie strickte für sich und für ihn. Aber die Sonne brannte heiß auf die Finger. Mehr als einmal sehnte sie sich nach dem Schirmschachen.
Was sich im Schirmschachen zugetragen.