Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld- und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel; jetzt steht es leer. — Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig! Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind. Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große Wirtschaft in früherer Zeit. — So, nun kennst du auch meine jetzige Heimstätte.

Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln. Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben, jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer, Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe. Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar. Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich erkennen.

Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.

Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist, nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet — in allem Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden, es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack, verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!

Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte meine Unbeholfenheit und sprach: „Du — du! Wie heißt du denn?“

„Hans, wenn’s recht wär’.“

„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst es nit recht.“

Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden kannst, wie wirst es erst verdienen können!