Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:
„Lieber Hans!
Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt. Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen. Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden werde.
Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen
Dein alter
Guido Winter.
Hoisendorf, am 20. November 1897.“
Nun also, das schreibt der Lehrer.
Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.
Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O ahnungsvoller Engel du!