Aber es hätte gar nicht mehr viel gefehlt. Verliebt bin ich ja in dieses blöde Ding und habe es auch dem Lehrer nicht einen Augenblick verhehlt. Zwar nicht viel anders, wie man in eine Raphaelsche Madonna verliebt sein kann. Traue du der Liebe zu den Himmlischen! Zum Glücke sind, fatale Nachzüge abgerechnet, die bedenklichsten Jahre vorüber. Geschadet jedoch hat’s durchaus nicht, daß plötzlich der tolle Mensch vor mir stand mit dem Schrei: Das Mädel gehört mein!

Von diesem Augenblicke an gewann die Sache ein anderes Aussehen. Mancherlei wurde mir klar, jetzt ganz auf einmal. Was kann denn begreiflicher sein, als daß auch der Lehrer um dieses Lichtlein flattert. Und bei Sturm fliegt das sittsamste Flämmlein ins Dach. Schon vor Jahresfrist hat sie sich von dem die Augen küssen lassen, diese marmorkalte Maid!

Seinem Schrei also auf jenem Spaziergange bin ich ruhig gestanden. Er steht auch so da und scheint verwundert zu sein, daß ich nicht umfalle. Ich stehe immer noch und sage: „Sackerment, Lehrer, Sie haben einen guten Geschmack! Und dazu meinen Glückwunsch! Aber das will ich Ihnen auch sagen, wenn Sie das Mädel nicht glücklich machen, dann steinige ich Sie auf offenem Kirchplatz zu Hoisendorf.“

„Gut,“ antwortet er, und jetzt gehts schon ins Gemütliche, „wenn ich sie nicht glücklich mache, dann sollen Sie bei Nero, bei Diokletian, bei Iwan dem Grausamen und allen Inquisitoren Studien machen, wie ich am qualvollsten zu Tode gemartert werden könnte.“

„So ist es in Ordnung,“ sage ich, „Sie können sich verlassen. — Und nun soll es zwischen uns anders sein, meinen Sie nicht? Für Ihren Freimut möchte ich Vertrauen geben. Ihre Bedenken meinetwegen lassen es endlich hoch an der Zeit sein, daß ich mich Ihnen erkläre. — Wollen wir noch weiter ins Hochthal hinauf? Vielleicht lehnen Sie sich an diesen Ahornbaum, Herr Lehrer, denn sonst werden Sie wahrscheinlich umfallen, wenn Sie meine Geschichte hören. Sie meinen weiß Gott was für eine Romantik, wenn ein fünfundzwanzigjähriger Prachtkerl verliebt ist. Das ist gar nichts. Da giebt es andere Exemplare. Gucken Sie sich just einmal einen Zeitungschreiber an, der Bauernknecht wird — ein wirklicher hagebuchener Bauernknecht!“

Na, dann kam der geschichtliche Teil des Hans von Trautendorffer, dessen Ahn zur Hohenstaufenzeit den Reisenden die übermäßigen Lasten abgenommen hat. In neuer Zeit kam dann der elternlose Knabe, der zu nichts anderem gut war, als für die Grobschmiede im Dorf. Aus dem Schmiedejungen entwickelte sich der Schlingel, aus dem der Bäcker-Oheim den großen Gelehrten machen wollte und es kam der Tornister, in dem angeblich der Feldmarschallshut steckt. Durch all diese Wandlungen hat der junge Mann mit größter Geschicklichkeit den Weg verfehlt und trat also in die Gilde der Zeitungschreiber. — In dieser Epoche vertiefte ich meine Schilderung und zeigte den zweispältigen Gesellen, dessen Neigungen mit dem Berufe gar nicht übereinstimmen wollten, so daß eine altmodische Weltanschauung mit der großstädtischen Journalistik sich beständig in den Haaren lag. Und schloß damit, wie bei jener Wette der Rüpel den Federfuchser plötzlich unterkriegte, als eines Mannes Ehre dran hing, ein Jahr lang Ritter von der Heugabel zu sein.

Der Lehrer hatte mir mit wahrer Verblüffung zugehört. Als ich fertig war, machte er einige Schritte auf die Wiese hinaus, wieder zurück und sagte: „Was Sie mir da erzählt haben, Hans, es steht wahrscheinlich unter dem Strich?“

„Wie Sie wollen, Herr Winter; Sie sind zu nichts verpflichtet. Der Glaubenszwang ist abgeschafft. — Ich vermeinte Ihnen Aufrichtigkeit schenken zu sollen. Eine bessere habe ich nicht.“

Hierauf länger andauerndes Kopfschütteln seinerseits. Dann meinte er, es stimme ja eigentlich alles, und schüttelte mir die Hand.

Dieweilen waren wir sehr weit in die Wildnis geraten, an Felsen hin, wo graue Schuttriesen niedergingen in das Wasser, das hier unter dem Berge hervorquillt. Es ist der Ursprung der Rechen. Mir war völlig leicht ums Herz, daß ich nun wieder als maskenloser Mensch redlich dastehen konnte, wenigstens vor dem einen.