Am Hausthore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug in’s Reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerthen Seite. Er habe — und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche — einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfegermeister Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe, diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden werth, ein anderes Vermögen sei nicht da und es freue ihn — den Bäckermeister — daß sein ehrenwerther, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie — wozu er bereits die amtlichen Wege betreten habe — ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen sondern erkläre sich in Gottesnamen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre gewaltigen Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, der findet kein Glück und ist auch keines werth. — Der Bäckermeister soll’s auch bedenken!

Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.

Auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg, unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Ueberbleibseln vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braunangestrichene und dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man wußte nicht ihr Geburtsjahr und an ihrer Wiege war es gewiß nicht gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden des Wirthshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.

Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie hin, oder huschte ein ander’ Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.

Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie pfiffen da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes aus Nervosität anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer hundertfach durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzigen Tönen. Aber Keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.