Der Schäfer von der Birkenheide.

Der Schäfer von der Birkenheide war ein Schäfer nach dem Herzen Gottes. Er war im Verhältniß zu anderen Schäfern blutjung und im Verhältniß zu seinen Schafen steinalt. Er hatte gelbgoldiges Haar, das er sich alljährlich zur Herbstschur mit der breiten Wollenscheere vom Haupte schnitt. Er war schlank und hoch gewachsen, wie die weißen Birkenstämme, zwischen welchen er den Sommer hindurch lebte und die Schäflein weidete. Von diesen Birkenstämmen schälte er eines Tages ein zartes weißes Rindenhäutchen los und schrieb darauf die Worte: „An die Gais-Esther im Fischgraben. Es ist mein guter Rath, daß Du Deine Gaisen auf die Birkenheide treibst. Hierum giebt es Brombeerlaub, das mögen wir nicht alles überkommen. Ich laß Dich schön grüßen.

Titus, der Schäfer auf der Birkenheide.“

„Da schau, das schreib ich der Esther,“ sagte er zu seinem Freunde, dem grauen Widder, der ihm über die Achseln schnupperte.

„Halt her!“ blökte der Widder, und als ihm der Brief nahe genug war, um lesen zu können, fraß er ihn auf.

Das gute Verhältniß der beiden Freunde war nun für lange Zeit gestört und die Esther kam nicht auf die Birkenheide. Der Widder genoß unter seinen Schafinnen vergnügliche Zeiten; aber dem Schäfer war das Herz schwer, und als sich einmal eine Ziege aus dem Fischgraben auf die Birkenheide verirrte, herzte sie der Titus und flüsterte ihr in die Ohren: „Thu’ mir die Esther grüßen!“

„Thu’ es selber!“ mäckerte die Gais und lief davon.

Und am nächsten Samstag that er’s selber. „Esther,“ sagte er, „ich muß Dir was anvertrauen, ich bin ein Narr.“

„Je, das weiß ich schon lang’!“ lachte die Esther.