Kein Zweifel, so Einer hält auch jetzt das Elternhaus belagert, so Einer liegt ihnen auch jetzt in der Schüssel, auf der Ofenbank und weiß Gott wo sonst überall herum.
In einem nächsten Brief nach Hause stellte der Anderlacher Franz unter anderen die zwei Fragen: „Ist der lästige Mensch noch im Haus und was soll ich dem Herrn Pfarrer für den geschickten Gulden einkaufen?“
Antwortete wieder der Pfarrer: „Der Mensch ist immer noch im Hause und der Gulden, lieber Franzel, gehört Dein. Wenn ich Dir’s nicht geschrieben habe, so hättest Du Dir’s selber denken können. Heute liegt das Geld zur Heimreise bei; sei vorsichtig. Im Posthause zu Brixen frage dem Hans Halbscheid nach, mit dem fahre bis Bruneck. Wir erwarten Dich mit Freuden.“
Ein herzensguter Mann, der Herr Pfarrer — aber diese verdächtige Einquartierung daheim!
Die Vacanzen sind da.
Als der Franzel sein Zeugniß bekommt, muß er an sich halten, daß er nicht laut aufjauchzt; das thäte sich im Lehrsaal doch nicht schicken. Der Franzel ist in seiner Classe der Erste.
„Das giebt noch einen Bischof,“ scherzte der Professor. „Vor Zeiten zwar hat man den Frömmsten dazu gemacht, aber heute steckt man den Gescheitesten unter die Schnabelhaube. Mußt Dir aber nichts einbilden, Anderlacher.“
Bischof hin und Bischof her — der Franzel geht jetzt heim auf die Alm. Da giebt’s Vogelfangen zu stellen, Forellen zu fischen, zu reiten auf des Kronenwirths Braunen und die Kugelbahn ist auch fertig! Vielleicht läßt sich sogar mit dem Executionssoldaten was anfangen: leiht er nur sein Gewehr — im Schachen giebt’s Spatzen.
Flink packt er seine sieben Sachen in eine Handtasche, hängt um sein graues Jäcklein mit dem Sammtkragen, das Seitentäschchen, birgt noch die Reisedecke in den Wagen und den großen Regenschirm. Oh, dieser Regenschirm ist seine Pein; was hat er dieses Schirmes wegen schon für Verfolgung ausstehen müssen! Aber die Mutter hat’s nicht anders gethan, hat gesagt, als er fort nach Innsbruck ging, sie hätte keine ruhige Stund’, wenn er den Regenschirm nicht mitnehme, man wisse niemals, was für ein Wetter einfalle. So nahm der Junge das Unding, das größer war, als er selber, unter den Arm und trug es in die schöne Stadt Innsbruck. Dort bei den Collegen ging das Gehetze los, sie nannten ihn den Paraplui-Jackel und wenn er den Schirm einmal aufspannte, so drängte sich die ganze johlende Rotte unter denselben herbei und sie stießen ihn hin und her wie Böcke. Es war keine Ruhe, bis der arme Franzel den Schuldiener bat, das rothe Ungeheuer zu verbergen. Aber wie die Mutter gesagt hatte, daß er den großen Regenschirm mit nach Innsbruck nehmen solle, so hatte der Vater ihm eingeschärft, daß er denselben wieder nach Hause bringen müsse. Darum wählte nun der Student zur Abreise eine dunkle Abendstunde und noch einmal schwang er sein Tuchkäppchen mit dem glänzenden Schildchen zum Scheidegruß der schönen Hauptstadt von Tirol — und fröhlich ging’s der Heimat zu.
Was waren ihm die Berghöhen so sonnig und die Morgenschatten so thaufrisch! Was wuchsen ihm an den Füßen die Flügel, gleich dem steinernen Knaben auf dem Hause der Handelsschule zu Innsbruck, was ging ihm das Herz auf!