Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen Charakters betäubt sie. – Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut, ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird er und hat eine graue Kruste – vom Salz des Meeres. Das alles macht der Landratte unendlich viel Spaß.

Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem Meere löst sich auch der große, nationale auf – das Herz weitet sich kosmopolitisch, befreit sich.

Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.

Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt. Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch spricht! … »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde allgemein verständlich.

Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte. Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr zurück. – Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. – Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.

Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte. Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches, die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen der Oberfläche den Neuling gefangen.

Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche, die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.

Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten, von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit millionenfach über die Meere – sie müßten Jauche geworden sein. – Das Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.

Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da – man könnte meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde Punkt verzuckt – dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen der Wellen ist ein Wiegen geworden. –

Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser spiegelnden Laternen des Molo.