Oder wenn die See ihr Lied sang und in eintönig platschendem Jubelton auf die Steine schlug, dann saß er auf den Steinen und sang auch, — sang ein Lied nach dem andern.

Aber wenn die Sonnenstrahlen heiß zwischen dem storren, blauen Strandgras lagen, war er dort. Und er sah in die See hinein mit seinen großen, ernsten Augen. Die Ostluft streichelte ihm die Backen warm und salzkräftig. So still saß er, daß die Möven seiner nicht mehr achteten. Sie schimmerten in der Luft wie weiße Blitze, und wenn sie ins Wasser tauchten, gab es einen silbernen Ring. Ihr Schrei klang wild und frei und unbarmherzig wie das Meerlied. Dann sah er sich nachdenklich nach ihnen um, wenn sie so jäh aufschrien, und dann lachte er leise.

„Lars! Lars!“ rief die Mutter, aber er rührte sich gar nicht. — Sie wußte aber lange, wo er zu finden war. Sie wurde auch nicht zornig, wenn sie rufend fast über ihn stolperte im langen Riedgras. Sie zog ihn nur in die Höhe und hielt ihn fest am Handgelenk, wenn sie wieder nach dem Hof hinauf ging.

Der Hof hatte ein überhängendes Strohdach und weiße niedere Wände. Mitten zwischen den Gebäuden stand ein Brunnen. Dort plätscherte und klatschte und murmelte ein Wasserstrahl, besonders des Nachts hatte er viel zu sagen. Wenn Lars nicht am Strande war, unterhielt er sich mit dem Wasserstrahl.

Lars’ Vater stand mit der Pfeife im Mund an der Haustür. Dort stand er fast so oft, wie Lars am Strande saß. Und wenn Mutter ihn rief, lachte er freundlich, aber er kam auch nicht.

Christian Asmussen war überhaupt ein freundlicher Mann. Die Leute mochten ihn fast alle gern. Sie fanden auch, daß er ein hübscher Mann wäre mit seinen freundlichen blauen Augen. Nur ein wenig dick und ein wenig rot und gedunsen war er geworden. Aber wovon das kam, wollten sie nicht so gern sagen; denn sie hatten ihn eben alle gern. Auch die kleinen Leute mochten ihn wohl leiden, denn er vertrat oft ihre Sache, und für den Armen saß ihm das Geld lose in der Hand. Darum sahen sie auch an dem großen Loch im Strohdach vorbei, das sie nun schon fünf Jahre kannten. Und daß jedes Jahr ein paar Kühe weniger auf der Koppel gingen, wollte man nicht recht bemerken. Man lachte nur, wenn Frau Asmussens ernstes Gesicht mit den ängstlichen Augen abends im Kruge bei Triensen erschien. Sie schob sich dann langsam bis hinten nach dem Stammtisch vor, wo ihr Mann saß, und tippte ihm auf die Schulter.

„Crischan“, sagte sie, „Crischan.“

„Gleich, gleich“, machte er dann. Aber manchmal kam er auch mit, und manchmal schwankte er ein wenig.

Dann lachten die andern noch mehr und sahen der Frau nach und sagten: „Die Stackel!“[1]

Aber was sie auch sagten, Frau Asmussens Gesicht veränderte sich nicht. Es lag etwas darüber, als wäre es in einem großen Schweigen stehn geblieben und könne sich nie mehr regen in aufzuckendem Zorn oder lachendem Scherze. Und in dem Schweigen hatten sich tiefe Linien hineingegraben um den festgeschlossenen Mund und die angstvollen Augen. Sie sah viel älter aus als der freundliche Herr Asmussen.