Gegen Abend war der Ostwind zu Bett gegangen, und sie krochen mit schlappem Segel mühselig über die Bucht. Die Ufer spiegelten sich tief im Wasser, und die große Stille lag wieder auf breiten Flügeln über See und Land. Das lautlose Hingleiten und das ewige Schweigen um ihn her löste etwas in Lars’ Seele, daß die Härte des Mühens und Quälens ums tägliche Brot zurückglitt und er zum erstenmal anfing, von der Sehnsucht zu reden, einmal hinaus zu kommen über diese schlichte Runde von Mühen und Quälen, Essen und Schlafen. Und er fand auch Worte für seinen Zorn und Haß gegen den reichen Onkel und die satten Leute überhaupt. Aber der Alte hielt die Hand am Ruder, sah geradeaus über die lautlose Fläche und sagte kein Wort.

Als sie so eine Weile unhörbar hingeglitten waren, bewegte er langsam die Lippen, als spräche er mit sich selbst. Und mit eins fing er in seiner stockenden, murmelnden Weise an. „Lars, min Jung’,“ sagte Großvater. „Kannst du nich sehn, daß da rings herum alles so eine richtige, feine Ordnung hat, und paßt sich eins ins andere, rein wie mein Harmonium. Nur die Menschen machen da wohl mal einen Wirrwarr hinein. Das ist dann der verstimmte Ton, weißt du. Dann klingt das, als ob die ganze Melodie falsch ist, und kein Ton weiß mehr, ob er an seinem richtigen Fleck sitzt. Aber das bleibt alles ganz richtig, und wenn der eine falsche Ton weg ist, dann merkt man das. — Ich glaube, jeder muß nur richtig fest auf seinem eigenen Ton bleiben, dann paßt ihn die große feine Ordnung überall herein. Nur wenn er nicht fest hält auf seinem Ton und wackelt herum und macht selbst einen Wirrwarr, dann muß er heraus. Wenn’s geht, läßt man ihn ganz aus der Melodie, und die große Ordnung rings herum, wo alles arbeitet und brauchbar ist, sucht auch nur, wie sie ihn los wird.“

Das traf Lars auch alles, als sei es in seiner eigenen Seele gewachsen. Nur dunstiger hatte er es auch schon gedacht. Aber von dem Drängen und Sehnen konnte Großvater eben doch nichts wissen.

„Ja“, fing er endlich wieder an und strich mit der Hand immer auf der Duchte hin und her, „wenn man bloß so wissen könnte, welches der richtige Ton ist, der einem eigentlich gehört. Das Boot habe ich doch fein gebaut, und zu so was habe ich doch mächtige Lust, da wär’ das doch dann richtig gut, wenn ich zuletzt doch zum richtigen Schiffbauer käme. Aber wenn das dann nicht geht, was ist denn da mein eigener Ton?“

„Ja, min Jung’, das is nich so leicht, wie Spickaal essen. Das is nich leicht und finden das raus, und ebenso schwer is dann wohl das Erklären, denn das merkt jeder bloß ganz allein. Wenn’s auch manchmal nicht so geht, wie du denkst, mußt eben aufpassen und lauern, wo dich die große Ordnung hineinpaßt. Mit dem Gegenanstrampeln, wenn die Ordnung nich will, und das Ding nich reif is, wird das sein Leben nix. Das gibt man einen großen Tüter.“

„Aber immer so still sitzen und sich ducken, ist doch auch nichts. Da drüben in Wanbyll die Fischer, die halten zusammen und wollen mal die ganze Welt neu machen, das ist doch fein.“

„Das Zusammenhalten, ja, das is wohl was Rechts, aber mit dem andern all’ machen sie mir viel zu viel Lärm. Da glaub’ ich nich an, das is nich was, was die Ordnung reif gemacht hat. — Wirst schon sehn, arbeiten und langsam wachsen, und kein Spektakel, sonst wird da mein Tag nix draus.“

Lars ruckte mit den Schultern, er war ungeduldig. Aber so oft er wieder anfing zu reden, Großvaters Mund war nun wie ein fester Strich und die Linien an den Seiten fest eingegraben. Er sagte kein Wort mehr. Er sah weit über See und kniff von Zeit zu Zeit mit dem einen Auge.

In Lars aber war nichts von der gleichmütigen Ruhe. Der junge Ruhm und dann das Gespräch mit Großvater hatten sein Denken und Fühlen wachgeschüttelt, daß ihm die Brust zu eng wurde. Und es bäumte sich in ihm der Wille in Auflehnung gegen das Stillehalten und Horchen. Heute abend wußte er, daß er handeln mußte, vielleicht wie die in Wanbyll es wollten, — vielleicht anders. Nur nicht stillsitzen und abwarten!