Im Jahre 1877 wurde bei Eichstätt, 3½ Stunden vom Fundort des ersten, ein zweites Exemplar entdeckt, das weit vollständiger und schöner erhalten war als das erste. Dieses wurde nach langen Unterhandlungen vom Mineralogischen Museum der Universität Berlin um die Summe von 20000 Mark angekauft, nachdem zahlreiche andere Institute darauf reflektiert, aber die nötige Summe nicht zusammengebracht hatten.

Abb. 17. Urvogel von Eichstätt. Im Mineralogischen Museum in Berlin.

Der Archäopteryx steht, wie wir nun mit voller Sicherheit wissen, den Vögeln viel näher als den Reptilien; er ist etwa zu drei Vierteln Vogel, zu einem Viertel Reptil; Ober- und Unterkiefer sind mit Zähnen versehen, welche in besonderen Höhlen stecken, was bekanntlich bei keinem lebenden Vogel vorkommt. Wohl aber sind mitunter bei jungen Exemplaren, insbesondere bei Papageien, schwache Andeutungen von Zähnen vorhanden. Die Wirbel sind auf beiden Seiten ausgehöhlt wie bei tiefstehenden Amphibien und Reptilien, und die Rippen zeigen gleichfalls Reptiliencharakter. Der Schwanz gleicht einigermaßen dem einer Eidechse und besteht aus zwanzig langgestreckten Wirbeln. An jedem Wirbel waren aber zwei Schwanzfedern befestigt. Bei den heutigen Vögeln tritt nur im Embryonalleben ein längerer Schwanz auf, nachher verwachsen die einzelnen Wirbel zu einem kurzen Stück, dessen Endglied die steifen Steuerfedern trägt. (Der Archäopteryx stellt also einen Sammel- und Embryonaltypus dar.) Auch die vorderen Glieder, welche zu Flügeln verwandelt sind und lange Schwungfedern tragen, zeigen keine so weitgehende Umbildung wie bei den heutigen Vögeln, indem die drei Finger nicht miteinander verwachsen, sondern vollständig ausgebildet und mit Krallen versehen sind, so daß sie möglicherweise auch zum Gehen auf dem Boden, jedenfalls aber zum Festhalten an Bäumen verwendet werden konnten (ein vierfüßiger Vogel!). Die hinteren Glieder waren gleichfalls teilweise mit Federn bedeckt, und vielleicht fanden sich solche auch am Halse, indem sie eine Art Krause bildeten; der übrige Körper war wohl nackt.

In keinem anderen Teil der Juraformation ist bis jetzt ein Vogel gefunden worden und auch für den Fränkischen Jura ist’s nur ein glücklicher Zufall. Übrigens mußten dort die Verhältnisse zur fossilen Erhaltung von allerlei Getier sehr günstig sein. Zur jüngeren Jurazeit befand sich dort ein Meer mit vielen Koralleninseln und Korallenklippen. Zwischen den Korallenbauten befanden sich Lagunen, das heißt stille, seichte Gewässer, auf deren Boden sich Kalkschlamm und feinster Kalksand niederschlugen, woraus die Plattenkalke und lithographischen Schiefer hervorgingen. Die Fluten schleuderten zahlreiche Meertiere über die Riffe in die Lagunen, und Stürme trugen vom nahen Festland mancherlei Landbewohner herzu. Der breiartige Kalkschlamm hüllte die getöteten Wesen sofort ein und verhinderte deren rasche Verwesung. Der durch häufige Winde vom Festland herübergewehte Staub legte sich über die Kalkschicht und bildete eine tonige Lage, die sogenannte Fäule, worauf sich das Spiel wiederholte.

Der Urvogel, dessen Größe zwischen der einer Taube und eines Huhnes schwankte, war sicherlich ein schlechter Flieger und konnte sich mit manchem Flugdrachen nicht messen; aber er verkörperte nichtsdestoweniger ein höheres Prinzip und trug wenigstens in seinen Nachkommen den Sieg davon.

Abb. 18. Hesperornis.

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GRÖSSERES BILD]

Beträchtlich zahlreicher sind Vogelfunde in der Kreideformation, und Nordamerika (Kansas) hat deren mehrere in so prächtigem Zustande geliefert, daß deren Skelette vollständig konstruiert werden konnten. Ein bedeutsames Merkmal haben alle diese Vögel mit dem jurassischen Urvogel gemeinsam, sie tragen nämlich in ihren Kiefern echte Zähne. Unsere Abbildung führt uns eine amerikanische Art vor Augen, den Königsvogel, Hesperornis regalis (von hesperis: abendländisch, ornis: Vogel und regalis: königlich). Derselbe erreichte eine bedeutende Größe, denn das Skelett mißt von der Schnabelspitze bis zum Ende der Zehen nahezu 2 Meter. Die Flügelknochen und der bei guten Fliegern stark vorspringende Kiel des Brustbeins sind verkümmert, wohingegen die Beine kräftig entwickelt und zum Rudern eingerichtet sind. Der Schwanz war breit und bestand aus zwölf Wirbeln, er zeigt gleichfalls Anpassung ans Wasserleben. Hesperornis konnte nicht fliegen, er zeigt mehrfach Anklänge an den heutigen Strauß, und der amerikanische Paläontologe Marsh bezeichnet ihn daher „als einen wasserbewohnenden, fleischfressenden Strauß“. Manche Skeletteile, so das Becken, erinnern noch an Reptilien; auch der Schwanz zeigt eine für Vögel ungewöhnlich große Zahl von Wirbeln.