Pantschus vorgebliche Tante macht mir zu schaffen. Es wird schwer sein, sie des Betrugs zu überführen, denn obwohl es oft schwierig oder unmöglich ist, Zeugen für ein wirkliches Geschehnis zu finden, so lassen sich doch immer für etwas, was gar nicht geschehen ist, unzählige Beweise aufbringen. Der Zweck dieses Schachzuges ist augenscheinlich, den Verkauf von Pantschus Pachthof an mich rückgängig zu machen.

Da ich keinen andern Ausweg finden konnte, dachte ich daran, Pantschu auf meinem Gebiet ein Stück Land in Erbpacht zuzuweisen und eine Hütte darauf bauen zu lassen. Aber mein Lehrer wollte davon nichts wissen. Er meinte, ich solle solchem boshaften Treiben gegenüber nicht gutwillig nachgeben, und erklärte sich bereit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

»Sie, Meister?« rief ich höchst überrascht.

»Ja, ich«, wiederholte er.

Ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, wie mein Lehrer irgend etwas gegen diese juristischen Ränke tun könnte. An diesem Abend kam er nicht wie sonst zur gewohnten Stunde zu mir. Als ich mich nach ihm erkundigte, erfuhr ich von seinem Diener, daß er mit einem kleinen Koffer, in den er ein paar Sachen und etwas Bettzeug gepackt hatte, abgereist sei und in einigen Tagen zurück sein werde. Ich dachte, daß er sich vielleicht aufgemacht hätte, um im Dorf, wo der Onkel Pantschus gelebt hat, Zeugen zu finden. Aber solch Unternehmen schien mir ganz aussichtslos...

Am Tage vergesse ich mich über meiner Arbeit. Aber wie der Spätherbstnachmittag langsam vorrückt und die Farben am Himmel trübe werden, trüben sich auch meine Gefühle. Es gibt viele in dieser Welt, deren Seele in Steinhäusern wohnt, — sie brauchen sich um das Draußen nicht zu kümmern. Aber meine Seele wohnt unter den Bäumen im freien Felde; sie nimmt die Botschaften, die die freien Winde bringen, mittelbar in sich auf, und die ganze Tonleiter von Licht und Dunkel findet Widerhall und Antwort in ihrer innersten Tiefe.

Solange der helle Tag um mich leuchtet und ich mitten im Getriebe der Menschen bin, scheint es, als ob meinem Leben nichts fehlt. Aber wenn die Farben am Horizont verblassen und der Himmel die Vorhänge über seine Fenster zieht, dann fühlt mein Herz, daß der Abend auch für mich wie ein Vorhang herabsinkt, um die Welt draußen auszuschließen und die Stunde zu künden, wo die Dunkelheit sich mit dem Einen füllen muß. Erde, Himmel und Wasser rufen es uns zu, und ich kann mein Ohr nicht ihrem Ruf verschließen. Wenn daher die Dämmerung immer tiefer wird, wie der Blick aus den dunklen Augen der Geliebten, so sagt mir mein ganzes Wesen, daß die Arbeit allein nicht der wahre Sinn des Lebens sein kann, daß sie allein nicht Inhalt und Zweck des menschlichen Daseins sein soll, denn der Mensch soll nicht ein bloßer Sklave sein — auch nicht der Sklave des Wahren und Guten.

Ach, Nikhil, wo ist der Teil seines Selbst geblieben, der sonst, wenn die Arbeit des Tages getan war, unter dem Sternenhimmel alle Fesseln von sich warf und hineintauchte in die unendlichen Tiefen des nächtlichen Dunkels? Wie furchtbar einsam ist doch der, dem in der Mannigfaltigkeit des Lebens der Gefährte fehlt!

Neulich abends, um die Zeit, wo Tag und Nacht sich auf der Schwelle begegnen, hatte ich gerade nicht zu arbeiten, war auch nicht zum Arbeiten aufgelegt, und auch mein Lehrer war nicht da, um mir Gesellschaft zu leisten. Mein Herz war wie ein leer dahintreibendes Boot, das einen Ankerplatz sucht, und so schlenderte ich den inneren Gärten zu. Ich liebe die Chrysanthemen sehr, und an der einen Seite des Parkes habe ich ganze Reihen davon in allen Spielarten an der Mauer entlang in Töpfen hintereinander aufstellen lassen. Als sie blühten, sah es aus, als ob eine grüne Woge sich in Schaum von allen Regenbogenfarben auflöste. Ich war längere Zeit nicht nach diesem Teil des Parkes gekommen, und der Gedanke, meine Chrysanthemen nach langer Trennung wiederzusehen, erfüllte mich mit freudiger Erwartung.

Als ich eintrat, sah der Vollmond gerade über die Mauer, deren Fuß noch im tiefen Schatten lag. Es war, als ob er sich von hinten auf den Zehen herangeschlichen hätte und mutwillig lächelnd der Dunkelheit die Augen zuhielte. Als ich mich der Terrasse von Chrysanthemen näherte, sah ich davor eine Gestalt im Grase ausgestreckt. Mein Herz stockte plötzlich. Auch die Gestalt richtete sich beim Nahen meiner Schritte erschrocken auf.