Es begann zu dunkeln. Die Sonne ging hinter dem gefiederten Laubwerk des blühenden Sadschnabaums unter. Ich sehe noch heute jede leise Schattierung jenes Sonnenuntergangs vor mir. Zwei Wolkenmassen zu beiden Seiten der sinkenden Sonnenscheibe gaben ihr das Aussehen eines gewaltigen Vogels, der seine feurig gefiederten Schwingen weit ausbreitete. Es war mir, als ob dieser verhängnisvolle Tag sich aufmachte zu seinem Fluge über den Ozean der Nacht.
Es wurde dunkler und dunkler. Aus der Ferne wogte Waffenlärm heran und wich dann wieder in das Dunkel zurück, wie die Flammen eines brennenden Dorfes fern am Horizont aufzucken und wieder verschwinden.
Die Abendglocken erklangen von unserm Tempel. Ich wußte, die Bara Rani saß jetzt da, die Hände in stillem Gebet gefaltet. Aber ich konnte keinen Schritt vom Fenster weichen.
Die Straßen, das Dorf dahinter und die noch entfernteren Baumreihen verschwammen immer mehr im Dunkel. Der See in unserm Park blickte mit trübem Glanz zum Himmel auf, wie das Auge eines Blinden. Zur Linken schien der Turm seinen Hals auszurecken, um etwas, was in der Ferne geschah, zu erspähen.
Die Geräusche der Nacht nehmen alle Arten von Verkleidungen an. Ein Zweig knackt, und man glaubt, ein Verfolgter renne um sein Leben. Eine Tür schlägt zu, und es ist einem, als ob das Herz der Welt in jähem Schreck pochte.
Lichter flackerten plötzlich unter dem Schatten der fernen Bäume auf und verschwanden wieder. Ab und zu erklirrten Hufe, doch es waren nur Reiter, die aus den Palasttoren ritten.
Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß, wenn ich nur sterben könnte, alles gut sein würde. Solange ich lebte, griffen meine Sünden immer weiter um sich und säten nach allen Seiten Zerstörung aus. Ich erinnerte mich an die Pistole in meiner Truhe. Aber meine Füße wollten nicht vom Fenster weg und sie holen. Wartete ich denn nicht auf mein Schicksal?
Die Nachtwache kündete feierlich die zehnte Stunde. Bald darauf tauchten in der Ferne eine ganze Reihe Lichter auf, und eine große Schar von Leuten wand sich wie eine große Schlange auf den dunklen Wegen den Palasttoren zu.
Der Dewan stürzte ans Tor. In demselben Augenblick galoppierte ein Reiter herein. »Wie steht es, Dschata?« fragte der Dewan.