Und was diesen Punkt anbetrifft, so habe ich es darin mit allen meinen Landsleuten verdorben, weil ich in ihren Lärm nicht einstimme. Sie sind sicher, daß ich entweder Verlangen nach irgendeinem Titel habe oder mich vor der Polizei fürchte. Die Polizei wiederum meint, daß ich zuviel Sanftmut zeige, um nicht irgendeinen geheimen Anschlag zu planen.
Aber mein Gefühl sagt mir, daß die, welche sich nicht für ihr Vaterland begeistern können, wenn sie es so sehen, wie es in Wahrheit ist, oder die die Menschen nicht lieben können, gerade in ihrer Menschlichkeit, — die ein Geschrei erheben und ihr Vaterland zum Götzen machen müssen, um ihren Begeisterungsrausch aufrecht zu erhalten, — daß diese den Rausch selbst mehr als ihr Vaterland lieben.
Wenn wir versuchen, den Gegenstand unsrer Begeisterung höher zu stellen als die Wahrheit, so zeigen wir damit, daß wir von Natur unfrei sind. Unsre kranke Lebenskraft muß entweder von irgendeinem Wahn in Schwung gebracht oder durch irgendeine weltliche oder geistliche Autorität angetrieben werden, um in Bewegung zu kommen. Solange wir uns der Wahrheit verschließen und nur durch hypnotische Einwirkung zur Tat gedrängt werden können, solange müssen wir uns sagen, daß wir noch nicht imstande sind, uns selbst zu regieren.
Als neulich Sandip mir vorwarf, daß es mir an Phantasie fehle und daß ich daher mein Vaterland nicht als lebendige Idealgestalt sehen könne, stimmte Bimala ihm zu. Ich sagte nichts zu meiner Verteidigung, denn was hilft es zum Glück, wenn man im Wortstreit siegt? Ihre abweichende Meinung beruhte ja nicht auf Mangel an Einsicht, sondern hatte ihren Grund in der Andersartigkeit ihrer Natur.
Sie machen mir Phantasielosigkeit zum Vorwurf, — das heißt bei ihnen, daß ich wohl Öl in meiner Lampe habe, aber keine Flamme. Dies ist aber gerade der Vorwurf, den ich ihnen mache. Ich möchte ihnen sagen: Ihr seid dunkel wie die Feuersteine. Ihr müßt zu heftigen Zusammenstößen kommen und Lärm machen, um Funken hervorzubringen. Doch diese vereinzelten Blitze dienen nur eurer Eitelkeit, aber helfen euch nicht zu klarem Sehen.
Ich habe seit einiger Zeit bemerkt, daß Sandip von groben Begierden beherrscht wird. Seine Sinnlichkeit trübt sein religiöses Gefühl und macht ihn tyrannisch in seinem Patriotismus. Sein Verstand ist scharf, aber seine Natur ist roh, und so verherrlicht er seine selbstsüchtigen Gelüste unter hochtönenden Namen. Der billige Trost des Hasses ist ihm ebensosehr Bedürfnis wie die Befriedigung seiner Begierden. Bimala hat mich früher oft vor seiner Geldgier gewarnt. Ich gab ihr innerlich recht, aber ich konnte mich nicht überwinden, mit Sandip zu feilschen. Ich schämte mich sogar, mir selber einzugestehen, daß er mich ausbeutete.
Doch heute wird es schwer sein, Bimala begreiflich zu machen, daß Sandips Vaterlandsliebe nur eine andre Form seiner begehrlichen Eigenliebe ist. Bimalas Heldenverehrung für Sandip hält mich um so mehr davon zurück, mit ihr über ihn zu sprechen, weil ich fürchte, daß eine leise Regung von Eifersucht mich unbewußt zu Übertreibungen verleiten könnte. Es kann sein, daß der Schmerz in meinem Herzen mir Sandips Bild schon verzerrt. Und doch ist es vielleicht besser, mich auszusprechen, als meine Gefühle weiter in mir nagen zu lassen.
II
Ich kenne meinen Lehrer nun schon dreißig Jahre. Weder Verleumdung noch Mißgeschick, noch der Tod selbst haben irgendwelche Schrecken für ihn. Nichts hätte mich retten können, der ich in die Traditionen dieser unsrer Familie hineingeboren war, wenn er nicht in den Mittelpunkt meines Lebens sein eignes gestellt hätte, mit seinem Frieden und seiner Wahrheit und mit seinen Idealen. In ihm war für mich das Gute selbst Gestalt geworden.
Mein Lehrer kam an jenem Tage zu mir und sagte: »Ist es nötig, daß du Sandip noch länger hier zurückhältst?«