Mutter, heute sehe ich wieder vor meinem Geiste dein rotes Stirnzeichen[1], den Sari[2], den du zu tragen pflegtest, mit seinem breiten, roten Saum, und deine wundervollen Augen voll Tiefe und Frieden. Sie kamen am Anfang meiner Lebensbahn wie das erste Licht des dämmernden Morgens und gaben mir goldenen Vorrat mit auf den Weg.
Das Antlitz meiner Mutter war dunkel, aber es hatte einen Heiligenschein, und ihre Schönheit beschämte alle Eitelkeit der Schönen.
Jeder sagt, daß ich meiner Mutter ähnlich sehe. In meiner Kindheit mochte ich dies gar nicht hören. Ich hatte das Gefühl, daß Gott ungerechterweise eine Hülle um meine Glieder gelegt hätte, — daß mein dunkles Antlitz mir eigentlich nicht zukäme, sondern durch irgend ein Versehen mir zuteil geworden wäre. Alles, was ich von Gott als Entschädigung dafür erbitten konnte, war, daß ich zu der Idealgestalt eines Weibes heranwachsen möchte, wie sie die großen Heldengedichte schildern.
Als der Heiratsantrag für mich kam, prüfte der begleitende Astrolog meine Handfläche und sagte: »Dies Mädchen hat gute Zeichen. Sie wird eine ideale Ehefrau werden.«
Und alle Frauen, die es hörten, sagten: »Das ist kein Wunder, denn sie gleicht ihrer Mutter.«
Ich wurde mit einem Radscha[3] vermählt. Als Kind war ich ganz vertraut mit den Schilderungen von Märchenprinzen. Aber das Gesicht meines Gatten war nicht so, daß die Phantasie ihn ins Märchenland verpflanzen würde. Es war dunkel, ebenso dunkel wie meines. Das Gefühl der Scheu, das ich wegen meines Mangels an körperlicher Schönheit hatte, wich dadurch etwas; doch zugleich empfand ich im Herzen ein leises Bedauern.
Aber wenn unser Antlitz dem prüfenden Blick der Sinne ausweicht und sich ins Heiligtum des Herzens rettet, da kann es sich selbst vergessen. Ich weiß noch aus der Erfahrung meiner Kindheit, wie hingebende Liebe die Schönheit selbst ist, von innen gesehen. Wenn meine Mutter die verschiedenen Früchte, die sie selbst mit ihren liebenden Händen sorgfältig geschält hatte, auf dem weißen Steinteller ordnete und sanft mit dem Fächer wedelte, um die Fliegen zu verscheuchen, während mein Vater beim Mahl saß, strömte ihre dienende Liebe in einer Schönheit aus, die über alle äußere Form war. Schon in meiner frühen Kindheit konnte ich die Macht dieser Schönheit fühlen. Sie war erhaben über alle Worte und Zweifel und Berechnungen, sie war ganz Musik.
Ich erinnere mich noch deutlich, wie ich nach meiner Heirat früh am Morgen vorsichtig und leise aufzustehen pflegte, um meines Gatten Füße ehrfurchtsvoll zu berühren[4], ohne ihn zu wecken, und wie mir in solchen Augenblicken war, als ob das rote Abzeichen auf meiner Stirn wie der Morgenstern strahlte.
Eines Tages wachte er zufällig auf und fragte mich lächelnd: »Was ist das, Bimala? Was tust du denn da?«
Ich werde nie vergessen, wie ich mich schämte, daß er mich ertappt hatte. Er konnte möglicherweise denken, daß ich versuchte, mir heimlich ein Verdienst zu erwerben. Aber nein, nein! Dies hatte nichts mit Verdienst zu tun. Es war mein Frauenherz, das anbeten mußte, wenn es lieben sollte.