Das Dorf, wo sie lebte, hieß Tschandipur. Sein Fluß, der für einen Fluß Bengalens klein war, hielt sich in seinen engen Grenzen, wie ein Mädchen aus dem Mittelstande. Dieser geschäftige Streifen Wasser floß nie über seine Ufer, sondern erfüllte gewissenhaft seine Pflichten, als ob er ein Glied jeder Familie gewesen wäre, die an seinen Ufern wohnte. Zu beiden Seiten waren Häuser und Bäume, die die Ufer beschatteten. So wurde die Göttin des Flusses, wenn sie von ihrem Königsthron herabstieg, zur Gartengottheit jedes Heims und eilte, sich selbst vergessend, leichtfüßig und heiter von einer Aufgabe zur andern, unendlichen Segen spendend.
Banikanthas Gehöft lag dicht am Fluß. Die vorüberfahrenden Schiffer konnten jede Hütte und jeden Schuppen desselben sehen. Ich weiß nicht, ob irgend jemand unter diesen Anzeichen von Wohlstand das kleine Mädchen bemerkte, die, wenn ihre Arbeit getan war, sich nach dem Flußufer schlich und dort saß. Denn hier vermißte sie die Gabe der Sprache nicht, hier sprach die Natur für sie. Das Murmeln des Baches, die Stimmen der Dorfleute, die Lieder der Schiffer, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume, alles floß zu einer Sprache zusammen und wurde eins mit dem Zittern ihres Herzens. Es wurde zu einer großen Woge von Schall, die an ihr sehnsüchtiges Herz schlug. Dies Rauschen und Raunen in der Natur war die Sprache der armen Stummen, und in ihren dunklen Augen fand die Sprache der Welt um sie her ihren Ausdruck. Von den kleinen Heimchen, die im Gebüsch zirpten, bis zu den stillen Sternen über ihr war nichts, was nicht zu ihr sprach mit Zeichen und Gebärden, Weinen und Seufzen. Und in der tiefen Stille des Mittags, wenn die Schiffer und Fischerleute zum Essen gegangen waren, wenn die Dorfbewohner schliefen und die Vögel verstummt waren, wenn die Fährboote müßig am Ufer lagen, wenn die große, geschäftige Welt mit ihrer Arbeit haltmachte und plötzlich schweigend dastand wie ein einsamer, furchtbarer Riese, dann saßen unter dem weiten Himmelsdom, in der feierlichen Mittagsstille, die beiden allein und schweigend da: die stumme Natur und das stumme Mädchen – die eine überströmt vom Sonnenlichte, die andere von einem kleinen Baum beschattet.
Aber Subha war nicht ganz ohne Freunde. Im Stall waren zwei Kühe, Sarbaschi und Panguli. Sie hatten nie von ihren Lippen ihren Namen gehört, aber sie kannten ihren Schritt. Wenn sie auch keine Worte hatte, so hatte sie doch ein liebevolles Murmeln für sie, und sie verstanden ihr sanftes Gemurmel besser als alle Worte. Wenn sie sie liebkoste oder schalt oder sich zärtlich an sie schmiegte, so verstanden diese Tiere sie besser, als Menschen es hätten tun können. Subha kam zu ihnen in den Stall und schlang ihren Arm um Sarbaschis Nacken; sie rieb ihre Wange an der ihrer Freundin, und Panguli sah sie mit ihren großen gütigen Augen an und leckte ihr Gesicht. Das Mädchen kam dreimal am Tage regelmäßig zur bestimmten Zeit zu ihnen, aber auch dazwischen besuchte sie sie noch oft. Immer wenn sie Worte gehört hatte, die sie verletzten und ihr wehe taten, so kam sie zu diesen stummen Freunden. Es war, als ob sie in ihrem stillen, traurigen Blick ihre innere Not läsen. Sie drängten sich dicht an sie und rieben ihre Hörner sanft an ihren Armen und versuchten, sie in ihrer stummen, hilflosen Art zu trösten. Außer diesen beiden waren da noch ein paar Ziegen und ein Kätzchen, aber so nahe standen sie Subha doch nicht, wenn sie sich auch ebenso anhänglich zeigten. Das Kätzchen sprang bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, auf ihren Schoß, um dort sein Schläfchen zu halten, und schnurrte behaglich und dankbar, wenn Subhas weiche Finger ihm über Hals und Rücken strichen.
Subha hatte aber auch unter der höheren Tiergattung einen Kameraden, und es ist schwer zu sagen, wie ihre Beziehungen zueinander waren, denn er konnte sprechen, und diese Gabe nahm ihnen die Möglichkeit, sich miteinander in der allgemeinen Natursprache zu verständigen. Er war der Jüngste von den Gosains, namens Pratap, ein träger Bursche. Nach langer vergeblicher Mühe hatten seine Eltern die Hoffnung aufgegeben, daß je etwas aus ihm werden und er es lernen würde, sich selbst durchzuschlagen. Nun haben Taugenichtse den Vorteil, daß sie, wenn auch ihre eigenen Verwandten nichts von ihnen wissen wollen, gewöhnlich bei allen andern sehr beliebt sind. Da sie durch keine Arbeit gebunden sind, werden sie öffentliches Eigentum. Wie jede Stadt ihren freien Platz braucht, wo alle atmen können, so braucht jedes Dorf zwei bis drei solche Freiherren von Müßiggang, die Zeit für alle haben, so daß, wenn wir ein wenig faulenzen möchten und einen Gefährten brauchen, gleich einer zur Hand ist.
Prataps Hauptehrgeiz richtete sich auf den Fischfang. Damit wußte er eine Menge Zeit zu verbringen, und fast jeden Nachmittag konnte man ihn in dieser Beschäftigung finden. So kam es, daß er häufig mit Subha zusammentraf. Bei allem, was er tat, hatte er gern einen Kameraden, und beim Fischfang ist ein stummer Kamerad der beste. Pratap schätzte Subha wegen ihrer Schweigsamkeit, und da alle andern sie Subha nannten, zeigte er ihr seine Zuneigung, indem er sie Su nannte.
Subha saß dann unter einem Tamarindenbaum, und Pratap warf nicht weit davon seine Angel aus. Er hatte immer etwas Betel mitgebracht, und Subha bereitete ihn ihm zu. Und wenn sie so dasaß und ihm lange zusah, stieg wohl in ihr der heiße Wunsch auf, ihm helfen, etwas Großes für ihn tun zu können, um zu beweisen, daß sie keine nutzlose Last in dieser Welt sei. Aber was sollte sie tun? Dann wandte sie sich in stillem Gebet an den Schöpfer, er möchte ihr plötzlich eine wunderbare Gabe verleihen, so daß Pratap erstaunt ausrufen müßte: „Potztausend, ich hätte mir nie träumen lassen, daß unsre Su so etwas könnte!“
Man denke nur! Wenn Subha eine Wassernymphe gewesen wäre, so wäre sie langsam aus dem Fluß emporgetaucht und hätte ihm den Edelstein aus einer Schlangenkrone ans Ufer gebracht. Dann hätte Pratap sein armseliges Fischen lassen und in die Unterwelt hinabtauchen können, und dort hätte er in einem silbernen Palaste auf einem goldenen Bett – nun, wen gesehen? Wen sonst als die stumme kleine Su, Banikanthas Kind? Ja, unsre Su, die einzige Tochter der glänzenden Juwelenstadt! – Aber das würde nie geschehen, es war unmöglich. Nicht daß irgend etwas wirklich unmöglich war, aber Su war nicht im königlichen Palast von Patalpur[24], sondern im Hause Banikanthas geboren, und so wußte sie kein Mittel, Pratap in Erstaunen zu setzen.
Allmählich wuchs sie heran. Allmählich begann sie, sich selbst zu finden. Ein nie gekanntes, unbestimmtes Gefühl durchwogte sie, wie die Flut des Meeres, wenn der Vollmond aufsteigt. Sie stand vor sich selbst wie vor etwas ganz Neuem, das sie sich nicht erklären konnte.
Einmal, es war spät in einer Vollmondnacht, öffnete sie langsam ihre Tür und blickte schüchtern hinaus. Die Natur, die selbst auch in ihrem Vollmond war wie die einsame Subha, sah auf die schlafende Erde herab. Auch in ihr pulsierte starkes junges Leben; Freude und Traurigkeit füllte ihr Wesen zum Überquellen, sie war an den Grenzen ihrer grenzenlosen Einsamkeit angelangt, ja, sie war über sie hinausgekommen. Das Herz war ihr schwer, und die Sprache war ihr versagt! An das Gewand dieser stummen geängsteten Mutter klammerte sich ein stummes geängstetes Kind.
Der Gedanke an Subhas Heirat erfüllte die Eltern mit steter Sorge. Die Leute machten ihnen Vorwürfe und sprachen sogar davon, daß sie sie aus der Kaste ausstoßen würden. Banikantha war wohlhabend, sie aßen zweimal am Tage Fisch-Ragout, und infolgedessen fehlte es ihnen nicht an Feinden. Da nahmen die Frauen die Sache in die Hand, und Bani verreiste auf ein paar Tage. Bald kehrte er zurück und sagte: „Wir müssen nach Kalkutta reisen.“