Diese Aufgabe, die Schranke zu durchbrechen und in die Welt hinauszutreten, hat von den Völkern des Ostens Japan zuerst auf sich genommen. Es hat das Herz ganz Asiens mit Hoffnung belebt. Diese Hoffnung gibt uns die heimliche Flamme, die jedes Schöpfungswerk braucht. Asien fühlt jetzt, daß es sein Leben beweisen muß, dadurch, daß es lebendige Werke schafft; daß es nicht müßig schlafend daliegen oder, durch Furcht oder Schmeichelei betört, in schwächlicher Nachahmung dem Westen huldigen darf. Dafür sagen wir dem Land der aufgehenden Sonne Dank und bitten es feierlich, immer dessen eingedenk zu sein, daß es die Mission des Ostens zu erfüllen hat. Es muß dem Herzen der modernen Kultur den Lebenssaft tieferer Menschlichkeit einflößen. Es darf sie nicht vom Unterholz ersticken lassen, sondern muß sie hinaufführen zu Licht und Freiheit, zu reiner Luft und weitem Raum, wo sie im Licht des Tages und im Dunkel der Nacht die Stimme des Himmels vernehmen kann. Auf daß die Erhabenheit seiner Ideale allen Menschen sichtbar werde wie sein schneegekrönter Futschijama, der aus dem Herzen seines Landes aufsteigt in die Region des Unendlichen und sich stolz von seiner Umgebung abhebt, schön wie ein Mädchen in dem wundervollen Schwung seiner Linien, und doch fest und stark und von ruhiger Majestät.
II.
Ich bin in vielen Ländern gereist und Menschen von allen Klassen begegnet, aber nirgends auf meinen Reisen fühlte ich die Gegenwart des Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In andern großen Ländern waren die Zeichen der Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich sah ungeheure Organisationen, die sich nach allen Seiten wirksam zeigten. Die Pracht und Üppigkeit, die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung und kostspieliger Unterhaltung, ist erschreckend. Man fühlt sich bei ihnen in die Ecke gedrückt wie ein ungebetener Gast beim Festmahl; halb ist man von Neid erfüllt, halb atemlos vor Staunen. Bei ihnen hat man nicht das Gefühl, daß der Mensch das Höchste ist, sondern man wird immer gegen einen Haufen erstaunlicher Dinge geschleudert, die uns von den Menschen trennen. Aber in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht und Reichtum das herrschende Lebenselement. Man sieht überall Zeichen von Liebe und Bewunderung und nicht überwiegend von Ehrgeiz und Habsucht. Man sieht ein Volk, dessen Herz sich erschlossen hat und sich verschwenderisch ausgibt in den einfachsten Geräten des täglichen Lebens, in seinen sozialen Einrichtungen, in seinen sorgsam gepflegten und zur Vollkommenheit ausgebildeten Lebensformen und in seiner Art mit den Dingen umzugehen, die nicht nur geschickt, sondern zugleich in jeder Bewegung anmutig ist.
Was in diesem Lande den größten Eindruck auf mich gemacht hat, ist die Erkenntnis, daß ihr die Geheimnisse der Natur nicht durch methodisches Zergliedern, sondern unmittelbar durch Anempfinden erfaßt habt. Ihr habt die Sprache ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt, das Ebenmaß in ihren Ungleichmäßigkeiten und den Rhythmus in der Freiheit ihrer Bewegungen; ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen ihrer Wesen führt und doch alle Reibungen vermeidet, wie selbst die Widerstreite in ihren Schöpfungen in Tanz und Musik sich lösen, wie ihr Überfluß die Fülle der selbstlosen Hingabe ist, nicht prahlerische Verschwendung. Ihr habt erkannt, daß die Natur ihre Kraft in Formen der Schönheit aufbewahrt, und diese Schönheit ist es, welche wie eine Mutter alle Riesenkräfte an ihrer Brust nährt, indem sie sie in tätiger Wirksamkeit, und doch in Ruhe hält. Ihr habt erkannt, daß die Lebenskräfte der Natur sich vor Erschöpfung bewahren durch den Rhythmus vollkommener Anmut, und daß sie durch die Zartheit ihrer geschwungenen Linien die Müdigkeit von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe gefühlt, daß ihr es vermocht habt, diesen Geheimnissen euer Leben anzugleichen, und daß ihr die Wahrheit, die in der Schönheit aller Dinge liegt, in eure Seele aufgenommen habt. Ein bloßes Wissen von Dingen kann man in kurzer Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben werden durch jahrhundertelange Erziehung und Selbstbeherrschung. Die Natur von außen beherrschen ist viel einfacher als sie in Liebe sich zu eigen machen, denn dies kann nur ein wahrhaft schöpferischer Geist. Euer Volk hat diese schöpferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern es schuf; es stellte nicht Dinge zur Schau, sondern offenbarte sein eigenes inneres Wesen. Dieser schöpferische Geist ist allen Völkern eigen; er bemächtigt sich der Menschennaturen und formt sie nach seinen Idealen. Aber hier in Japan scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem er in den Geist des ganzen Volkes einging und seine Muskeln und Nerven durchdrang. Eure Instinkte sind zuverlässig geworden, eure Sinne scharf, und eure Hände haben natürliche Geschicklichkeit erlangt. Der Schöpfergeist Europas hat seinen Völkern die Kraft zur Organisation gegeben, die sich besonders in der Politik, im Handel und in den wissenschaftlichen Betrieben gezeigt hat. Der Schöpfergeist Japans hat euch die Schönheit in der Natur gezeigt und euch die Kraft gegeben, sie im Leben zu verwirklichen.
In jeder besonderen Zivilisation drückt sich eine besondere menschliche Erfahrung aus. Europa scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge im Weltall empfunden zu haben, dessen man nur Herr wird, indem man sie erobert. Daher ist es immer zum Kampf gerüstet und richtet seine ganze Aufmerksamkeit darauf, Kräfte zu organisieren. Japan dagegen hat in seiner Welt die Berührung mit einem Wesen gespürt, vor dem seine Seele sich in Ehrfurcht beugt. Daher rühmt es sich nicht, die Natur zu beherrschen, sondern bringt ihr mit unendlichem und freudigem Bemühen die Opfer seiner Liebe dar. Seine Verwandtschaft mit der Welt ist die tiefere Verwandschaft der Seele. Dieses geistige Liebesband verknüpft es mit den Hügeln seines Landes, mit dem Meer und den Strömen, mit den Wäldern und ihrem ganzen Reichtum an Schönheit und Stimmung; es hat das Rauschen und Flüstern und Seufzen der Wälder und das Schluchzen der Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in stillem, staunendem Schauen die Sonne des Tags auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des Nachts, und es ist froh, wenn es seine Werkstätten und Läden schließen darf, um draußen in den Obstgärten und Kornfeldern die Jahreszeiten zu begrüßen. – Und so sein Herz der Seele der Welt öffnen, ist nicht das Vorrecht eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nicht künstlich erworbenes exotisches Kulturprodukt, sondern es ist allen eigen, allen Männern und Frauen aller Stände. Diese Erfahrung eurer Seele, daß ihr ein persönliches Wesen im Innersten der Welt gespürt habt, ist in eurer Kultur verkörpert. Es ist die Kultur der Brüderlichkeit. So hat eure Pflicht gegen den Staat den Charakter der Kindespflicht angenommen, und euer Volk ist eine Familie geworden, deren Haupt der Kaiser ist. Eure nationale Einheit gründet sich nicht auf Waffenbrüderschaft zu Verteidigung und Angriff, oder auf Spießgesellenschaft zu räuberischen Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil an Gefahr und Beute hat. Sie ergibt sich nicht aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem über diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren, sondern sie ist nur die Ausdehnung des Familiengefühls und der Verpflichtungen des Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres Feld. Eure Kultur gründet sich auf das Ideal der »maitri«[2], – maitri gegenüber den Menschen und maitri gegenüber der Natur. Und der wahre Ausdruck dieser Liebe ist die Sprache der Schönheit, die die allgemeine Sprache dieses Landes ist. Sie macht es, daß ein Fremder wie ich nicht mit einem Gefühl des Neides oder der Demütigung all diesen Offenbarungen von Schönheit und Liebe gegenübersteht, sondern mit Freude und Frohlocken die Herrlichkeit und Größe des Menschenherzens preist, die sich in ihnen kundgibt.
[2] Sanskrit maitrī »Freundschaft«, im Buddhismus Ausdruck für Wohlwollen (eines der vier Gefühle – Wohlwollen, Mitleid, Heiterkeit, Gleichmut – die als Vorbereitung auf das höhere geistige Streben gepflegt werden sollen).
Und aus diesem Grunde fürchte ich die Veränderung, die die japanische Kultur bedroht, wie eine Gefahr für mich selbst. Denn die ungeheure Andersartigkeit des modernen Zeitalters, wo der Nutzen das einzige Band ist, das die Menschen verbindet, sticht nirgends so kläglich ab von der Würde und verborgenen Kraft stiller Schönheit wie in Japan.
Aber die Gefahr liegt darin, daß die organisierte Häßlichkeit den Geist bestürmt und den Sieg davonträgt durch die Wucht ihrer Masse, durch die Hartnäckigkeit ihres Angriffs, durch die Macht des Spottes, den sie gegen die tieferen Gefühle des Herzens richtet. Ihre grobe Aufdringlichkeit zieht gewaltsam unseren Blick auf sich und übermannt unsere Sinne, – und wir opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem Fetisch opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften Häßlichkeit mächtig erscheint. Daher ist ihre Nebenbuhlerschaft den Dingen, die still und tief und zart sind, so gefährlich.
Ich bin sicher, daß es bei euch Menschen gibt, die kein Gefühl für eure Ideale haben; die nur gewinnen wollen, nicht wachsen. Sie prahlen laut, daß sie Japan modernisiert haben. Wenn ich ihnen auch zugebe, daß der Geist eines Volkes mit dem Geist seiner Zeit übereinstimmen muß, so muß ich ihnen doch zu bedenken geben, daß das Modernisierte ebensowenig das wahrhaft Moderne ist, wie Versmacherei wahre Dichtkunst. Es ist nichts als Nachahmung, nur ist die Nachahmung lauter als das Original und folgt ihm zu sklavisch. Wir müssen bedenken, daß die wahrhaft vom modernen Geist Beseelten es nicht nötig haben, zu modernisieren, ebensowenig wie die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne besteht nicht in europäischer Kleidung oder in den häßlichen Gebäuden, worin man die Kinder beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen, von parallelen Fensterreihen durchlöcherten Häuserkästen, worin die Menschen zeitlebens eingekerkert sind. Und sicher zeigt sich der moderne Geist nicht in den mit allen möglichen Widersinnigkeiten beladenen Damenhüten. Diese Dinge sind nicht modern, sondern nur europäisch. Das wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes, nicht Sklaverei des Geschmacks. Es ist Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, nicht Unmündigkeit unter der Vormundschaft europäischer Schulmeister. Es ist Wissenschaft, aber nicht ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloße Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft, die sie zum törichten Aberglauben herabwürdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen möglichen und unmöglichen Zwecken anrufen.
Das Leben, das sich auf bloße Wissenschaft gründet, hat für manche einen Reiz, weil es das Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und ist im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf die Jagd geht, muß möglichst wenig von Mitleid wissen, denn sein einziges Ziel ist, das Wild zu jagen und zu töten, zu fühlen, daß er das stärkere Tier ist, daß seine Vernichtungsmethode gründlich und wissenschaftlich ist. Und ein Leben, das in der Wissenschaft aufgeht, ist solch ein oberflächliches Sportsleben. Es strebt mit Geschick und Gründlichkeit nach Erfolg und kümmert sich nicht um die höhere Natur des Menschen. Aber die, die roh genug sind, wirklich glauben zu können, daß der Mensch nichts weiter als ein Jäger und sein Paradies ein Paradies für Sportsleute ist, und die danach ihr Leben einrichten, werden eines Tages mitten unter ihren Jagdtrophäen von Schädeln und Skeletten mit rauher Hand aus ihrem Wahn herausgerissen.