Unsre wissenschaftliche Welt ist unsre Welt des Verstandes. Sie hat ihre Größe und ihren Nutzen und ihre Reize. Wir wollen ihr gern die ihr gebührende Huldigung erweisen. Aber wenn sie sich rühmt, die wirkliche Welt erst für uns entdeckt zu haben und über alle Welten der einfältigen Geister lacht, dann erscheint sie uns wie ein Feldherr, der, durch seine Macht berauscht, den Thron seines Königs usurpiert. Denn die Welt in ihrer lebendigen Wirklichkeit ist das Reich der menschlichen Persönlichkeit und nicht des Verstandes, der, mag er noch so nützlich und groß sein, doch nicht der Mensch selbst ist.

Wenn wir ein Musikstück als das, was es in Beethovens Geist war, vollkommen erkennen könnten, so könnten wir selbst jeder ein Beethoven werden. Aber weil wir sein Geheimnis nicht ergründen können, so können wir auch bezweifeln, daß etwas von Beethovens Persönlichkeit in seiner Sonate lebt, — obgleich wir uns wohl bewußt sind, daß ihr wahrer Wert in ihrer Wirkung auf unsre eigene Persönlichkeit besteht. Doch es ist noch einfacher, diese Tatsachen zu beobachten, wenn diese Sonate auf dem Klavier gespielt wird. Wir können die schwarzen und weißen Tasten der Klaviatur zählen, die Länge der Saiten messen, die Kraft, Geschwindigkeit und Reihenfolge in den Bewegungen der Finger feststellen und dann triumphierend behaupten, dies sei Beethovens Sonate. Und nicht nur das, wir können vorhersagen, daß, wo und wann auch immer der Versuch in der beobachteten Weise wiederholt wird, auch genau dieselbe Sonate wieder ertönt. Wenn wir die Sonate nur immer von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, so vergessen wir leicht, daß ihr Ursprung und ihr Ziel die menschliche Persönlichkeit ist und daß, wie genau und vollkommen auch die technische Ausführung sein mag, diese doch noch nicht die letzte Wirklichkeit der Musik umfaßt.

Ein Spiel ist ein Spiel, sobald ein Spieler da ist, der es spielt. Natürlich hat das Spiel seine Regeln, die man kennen und beherrschen muß. Aber wenn jemand behaupten wollte, daß in diesen Regeln das wahre Wesen des Spiels läge, so müßten wir das ablehnen. Denn das Spiel ist das, was es für die Spieler bedeutet. Es wechselt seinen Charakter nach der Persönlichkeit der Spieler: für einige hat es den Zweck, ihre Gewinnsucht zu befriedigen, andern dient es zur Befriedigung ihres Ehrgeizes; einigen ist es ein Mittel, die Zeit hinzubringen, und andern ein Mittel, ihrem Hang zur Geselligkeit zu frönen; und noch andere gibt es, die ganz frei von eigennützigen Zwecken nur seine Geheimnisse studieren wollen. Und doch bleibt bei allen diesen mannigfachen Gesichtspunkten das Gesetz des Spiels immer das gleiche. Denn die Natur des wahren Seins ist die Einheit in der Mannigfaltigkeit. Und die Welt ist für uns wie solch ein Spiel, sie ist für uns alle die gleiche und doch nicht die gleiche.

Die Naturwissenschaft hat es nur mit der Gleichartigkeit zu tun, mit dem Gesetz der Perspektive und Farbenzusammenstellung und nicht mit dem Gemälde —, dem Gemälde, das die Schöpfung einer Persönlichkeit ist und sich an die Persönlichkeit dessen wendet, die es sieht. Die Naturwissenschaft will aus ihrem Forschungsgebiet die schöpferische Persönlichkeit ganz ausschalten und ihre Aufmerksamkeit nur auf das Medium der Schöpfung richten.

Was ist dieses Medium? Es ist das Medium der Endlichkeit, durch das der Unendliche sich uns offenbaren will. Es ist das Medium, das seine selbstauferlegten Begrenzungen darstellt, das Gesetz von Zeit und Raum, Form und Bewegung. Dies Gesetz ist die Vernunft, die allen gemeinsam ist, die Vernunft, die den endlosen Rhythmus der schöpferischen Idee leitet, wenn sie sich uns in immer wechselnden Formen offenbart.

Unsre Einzelseelen sind die Saiten, die bei den Schwingungen dieser Weltseele mitschwingen und in der Musik von Raum und Zeit Antwort geben. Diese Saiten sind untereinander verschieden an Tonhöhe und Klangfarbe und sind noch nicht zur Vollkommenheit gestimmt, aber ihr Gesetz ist das Gesetz der Weltseele, des Instrumentes, auf dem der ewige Spieler seinen Schöpfungstanz spielt.

Durch diese Seeleninstrumente, die wir in uns haben, sind auch wir Schöpfer. Wir schaffen nicht nur Kunst und soziale Organisationen, sondern auch uns selbst, unsre innere Natur und unsre Umgebung, deren Wesenserfüllung von ihrer Harmonie mit dem Gesetz der Weltseele abhängt. Freilich sind unsre Schöpfungen bloße Variationen der großen Weltmelodie Gottes. Wenn wir Dissonanzen hervorbringen, so müssen sie sich entweder in Wohlklang auflösen oder verstummen. Unsre Schöpferfreiheit findet ihre höchste Freude darin, daß sie ihre eigene Stimme in den Chor der Welt-Musik einfügt.

Die Naturwissenschaft traut dem gesunden Verstand des Dichters nicht recht. Sie weist die paradoxe Behauptung, daß das Unendliche Endlichkeit annehme, zurück.

Ich kann zu meiner Verteidigung sagen, daß diese Paradoxie viel älter ist als ich. Es ist dieselbe Paradoxie, die an der Wurzel allen Seins liegt. Sie ist ebenso geheimnisvoll und einfach zugleich wie die Tatsache, daß ich imstande bin, diese Wand wahrzunehmen, was im letzten Grunde ein unerklärliches Wunder ist.

Kehren wir noch einmal zu der Ischa-Upanischad zurück, um zu hören, was der Weise über den Widerspruch des Unendlichen und des Endlichen sagt. Er sagt: