So nahe die Beziehung des noch ungeborenen Kindes zum Mutterleibe auch ist, so hat sie doch noch nicht ihren letzten Sinn gefunden. Wenn auch alle seine Bedürfnisse ihm dort bis ins einzelnste befriedigt werden, so bleibt sein größtes Bedürfnis noch ungestillt. Es muß in die Welt von Licht und Raum und freiem Handeln hineingeboren werden. Diese Welt ist in jeder Hinsicht so gänzlich verschieden von der des Mutterleibes, daß das ungeborne Kind, wenn es die Fähigkeit zu denken hätte, sich nie eine Vorstellung von jener weiteren Welt machen könnte. Und doch hat es seine Glieder, die erst in der Freiheit von Luft und Licht ihren Sinn bekommen.

So hat auch der Mensch in der Welt der Natur alles, was er zur Ernährung seines Ichs braucht. Dort ist sein Ich seine Hauptsorge — das Ich, dessen Interesse von dem der andern abgesondert ist. Wie mit seinem Ich so ist es auch mit den Dingen seiner Welt; sie haben für ihn keine andere Bedeutung als die des Nutzens. Aber es entwickeln sich Fähigkeiten in ihm wie die Glieder beim ungeborenen Kinde, die ihm die Kraft geben, die Einheit der Welt zu erkennen — die Einheit, die der Seele und nicht den Dingen eigen ist. Er hat im Schönheitssinn und in der Liebe die Fähigkeit, an andern mehr Freude zu finden als an sich selbst. Die Fähigkeit, die ihn irdische Freuden verschmähen und Schmerz und Tod auf sich nehmen läßt, treibt ihn, unaufhaltsam vorwärts zu streben und führt ihn zu Erkenntnissen und Taten, die scheinbar keinen Nutzen für ihn haben. Dies führt zum Widerstreit mit den Gesetzen der Welt der Natur, und das Prinzip der Auslese der Tauglichsten ändert seinen Sinn.

Und damit kommen wir zu dem Dualismus, durch den der Mensch am meisten leidet: dem Dualismus von Natur und Seele. Das Übel, das den natürlichen Menschen verletzt, ist der Schmerz, aber das Übel, das seine Seele verletzt, hat einen besonderen Namen erhalten, es heißt Sünde. Denn wenn es auch durchaus nicht als Schmerz empfunden wird, so ist es doch ein Übel, ebenso wie Blindheit oder Lahmheit für den Embryo nichts bedeutet, aber nach der Geburt zu einem großen Übel wird, das den Zweck des Lebens hemmt. Das Verbrechen richtet sich gegen den Menschen, die Sünde richtet sich gegen das Göttliche in uns.

Was ist dieses Göttliche? Es ist das, was seinen eigentlichen und wahren Sinn im Unendlichen hat, was in dem embryonischen Leben des Ichs nicht die letzte Wahrheit sieht. Die ganze Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Geburtswehen, eine Geschichte von Leiden, wie kein Tier sie je durchzumachen hat. Die Menschheit hat keine Ruhe, all ihre Triebkräfte drängen sie vorwärts. Wenn sie sich auf ihrem Wohlstand zur Ruhe legt, ihr Leben durch Konventionen einschnürt, ihre Ideale zu verhöhnen beginnt und all ihre Kräfte auf die Vergrößerung ihres Ichs verwendet, dann beginnt ihr Verfall und Tod; alles, was sie an Kraft hat, wirkt nur noch zerstörend, denn sie braucht diese Kraft nur, um Zurüstungen für den Tod zu machen, weil sie nicht an unsterbliches Leben glaubt.

Für alle andern Kreaturen ist das natürliche Leben alles. Leben, die Gattung fortpflanzen und sterben, das ist ihr Daseinszweck. Und damit sind sie zufrieden. Sie rufen nie sehnsüchtig nach Erlösung, nach Befreiung aus den Schranken des Lebens; sie fühlen sich nie eingeengt und erstickt und schlagen verzweifelt gegen die Grenzmauern ihrer Welt; sie wissen nicht, was es heißt, ein Leben des Überflusses aufgeben und durch Entsagung den Eintritt ins Reich himmlischer Wonne zu gewinnen. Sie schämen sich nicht ihrer Begierden und empfinden sie nicht als unrein, denn sie gehören zu ihrem vollen Leben. Sie sind nicht grausam in ihrer Grausamkeit, nicht gierig in ihrer Gier, denn Grausamkeit und Gier reichen nicht weiter als die Gegenstände derselben, die an sich endlich sind. Aber der Mensch hat seine Unendlichkeit, und daher verachtet er jene Leidenschaften, die seine Unsterblichkeit nicht anerkennen.

Im Menschen hat das Leben des Tiers seinen Bereich geweitet. Er ist an die Schwelle einer Welt gekommen, die erst durch seinen eigenen Willen und seine eigene Kraft geschaffen werden muß. Er ist über das rezeptive Stadium hinaus, wo das Ich versucht, alles, was es umgibt, in sein eigenes Zentrum zu ziehen, ohne selbst etwas zu geben. Jetzt beginnt des Menschen schöpferisches Leben, wo er von seinem Überfluß spendet. Durch unaufhörliches Entsagen soll er wachsen. Alles was die Freiheit dieses endlosen Wachstums hemmt, ist Sünde, das Übel, das seiner Unsterblichkeit entgegenarbeitet. Diese schöpferische Kraft im Menschen hat sich schon von Anfang seines Lebens an gezeigt. Denn selbst sein physischer Bedarf wird ihm in der Kinderstube der Natur nicht gebrauchsfertig vorgesetzt. Von seinen ersten Tagen an ist er geschäftig gewesen, sich aus dem Rohmaterial, das um ihn herumliegt, seinen Lebensbedarf zu bereiten. Selbst seine Speisegerichte sind seine eigene Schöpfung, und im Gegensatz zu den Tieren wird er nackt geboren und muß sich seine Kleidung selbst schaffen. Dies beweist, daß der Mensch aus der Welt der Naturzwecke in die Welt der Freiheit geboren ist.

Denn Schaffen bedeutet Freiheit. Wir leben in einem Gefängnis, wenn wir in dem leben müssen, was schon da ist, denn es bedeutet in etwas leben, was etwas anderes ist als wir selbst. Dort müssen wir ohnmächtig es der Natur überlassen, mit uns zu schalten und walten und für uns zu wählen, und so kommen wir unter das Gesetz der natürlichen Auslese. Aber in unsrer eigenen Schöpfung leben wir in dem, was unser ist, und dort wird die Welt mehr und mehr eine Welt unsrer eigenen Auslese; sie bewegt sich mit uns im gleichen Schritt und gibt uns Raum, wohin wir uns auch wenden. So kommt es, daß der Mensch sich nicht mit der ihm gegebenen Welt begnügt; er strebt danach, sie zu seiner eigenen Welt zu machen. Und er legt den ganzen Mechanismus des Weltalls auseinander, um ihn zu studieren und wieder nach seinen eigenen Bedürfnissen zusammenzusetzen. Er lehnt sich auf gegen den Zwang der Naturgesetze. Sie hemmen bei jedem Schritt die Freiheit seines Laufes, und er muß die Tyrannei der Materie erdulden, die seine Natur sich sträubt als endgültig und unvermeidlich anzuerkennen.

Schon in der Zeit seiner Wildheit versuchte er durch Zaubermittel die Ordnung der Dinge zu durchbrechen. Er träumte von Aladdins Wunderlampe und von mächtigen Geistern, die ihm gehorchen und die Welt auf den Kopf stellen mußten, wenn es ihm einfiel. Denn sein freier Geist stieß immer wieder gegen Dinge, die ohne Rücksicht auf ihn eingerichtet waren. Er mußte sich scheinbar in die ihm aufgezwungene Naturordnung fügen oder sterben. Aber im tiefsten Herzen konnte er doch trotz der ihn widerlegenden harten Tatsachen nicht daran glauben. Daher träumte er von einem Paradiese der Freiheit, vom Märchenlande, vom Heldenzeitalter, wo der Mensch in beständigem Verkehr mit Göttern lebte, vom Stein der Weisen, vom Lebenselixier. Obgleich er nirgends das Tor finden konnte, das in die Freiheit führte, suchte er doch unermüdlich tastend danach, er härmte sich in Sehnsucht ab und betete inbrünstig um Befreiung. Denn er fühlte instinktiv, daß diese Welt nicht seine endgültige Welt ist und daß seine Seele nur eine sinnlose Qual für ihn bedeuten würde, wenn es nicht eine andre Welt für ihn gäbe.

Die Naturwissenschaft hat die Führung in der Rebellion des Menschen gegen die Herrschaft der Natur. Sie versucht, der Natur den Zauberstab der Macht zu entwinden und ihn dem Menschen in die Hand zu geben; sie will unsern Geist aus der Sklaverei der Dinge befreien. Die Naturwissenschaft hat ein materialistisches Aussehen, weil sie damit beschäftigt ist, den Kerker der Materie zu zerbrechen, und auf seinem Trümmerhaufen arbeitet. Beim Einfall in ein neues Land ist Plünderung die Losung des Tages. Doch wenn das Land erobert ist, werden die Dinge anders, und die, die eben noch raubten, werden zu Polizisten und stellen Frieden und Ordnung wieder her. Die Naturwissenschaft beginnt eben erst den Einfall in die materielle Welt, und alles hascht gierig nach Beute und verleugnet schamlos die wahre Natur des Menschen. Aber die Zeit wird kommen, wo die großen Kräfte der Natur jedem Einzelnen zu Gebote stehen, und wo mit wenig Kosten und Mühe für die elementaren Lebensbedürfnisse aller gesorgt werden kann. Wo es für den Menschen ebenso leicht sein wird zu leben wie zu atmen und sein Geist frei ist, sich seine eigene Welt zu schaffen.

In früheren Zeiten, als die Naturwissenschaft den Schlüssel zum Vorratshause der Naturkräfte noch nicht gefunden hatte, hatte der Mensch doch schon den stoischen Mut, die Materie zu verachten. Er sagte, er könne sich ohne Nahrung behelfen und könne auch die Kleidung als Schutz gegen Kälte entbehren. Er war stolz darauf, seinen Leib zu kasteien. Es war ihm eine Lust, offen zu verkünden, daß er der Natur nur sehr wenig von dem Zoll zahlte, den sie von ihm forderte. Er bewies, daß er die Angst vor Schmerz und Tod, mit deren Hilfe die Natur ihn zu knechten suchte, aufs äußerste verachtete.