O wo ist der, der aus Besitz und Zeit
zu seiner großen Armut so erstarkte,
daß er die Kleider abtat auf dem Markte
und bar einherging vor des Bischofs Kleid.
Der Innigste und Liebendste von allen,
der kam und lebte wie ein junges Jahr;
der braune Bruder deiner Nachtigallen,
in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen
und ein Entzücken an der Erde war.
Denn er war keiner von den immer Müdern,
die freudeloser werden nach und nach,
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern
ging er den Wiesenrand entlang und sprach.
Und sprach von sich und wie er sich verwende,
so daß es allem eine Freude sei;
und seines hellen Herzens war kein Ende,
und kein Geringes ging daran vorbei.
Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte,
und seine Zelle stand in Heiterkeit.
Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte
und hatte seine Kindheit und Geschichte
und wurde reif wie eine Mädchenzeit.
Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern
und das Vergessene zurück und kam;
und eine Stille wurde in den Nestern,
und nur die Herzen schrieen in den Schwestern,
die er berührte wie ein Bräutigam.
Dann aber lösten seines Liedes Pollen
sich leise los aus seinem roten Mund
und trieben träumend zu den Liebevollen
und fielen in die offenen Corollen
und sanken langsam auf den Blütengrund.
Und sie empfingen ihn, den Makellosen,
in ihrem Leib, der ihre Seele war.
Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen,
und voller Liebesnächte war ihr Haar.
Und ihn empfing das Große und Geringe.
Zu vielen Tieren kamen Cherubim,
zu sagen, daß ihr Weibchen Früchte bringe, –
und waren wunderschöne Schmetterlinge:
denn ihn erkannten alle Dinge
und hatten Fruchtbarkeit aus ihm.
Und als er starb, so leicht wie ohne Namen,
da war er ausgeteilt: sein Samen rann
in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen
und sah ihn ruhig aus den Blumen an.
Er lag und sang. Und als die Schwestern kamen,
da weinten sie um ihren lieben Mann.
O wo ist er, der Klare, hingeklungen?
Was fühlen ihn, den Jubelnden und Jungen,
die Armen, welche harren, nicht von fern?
Was steigt er nicht in ihre Dämmerungen –
der Armut großer Abendstern.
| Die Versanfänge | |
|---|
| [Erstes Buch: Das Buch vom mönchischen Leben (1899)] |
| [Da neigt sich die Stunde und rührt mich an] | [7] |
| [Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen] | [7] |
| [Ich habe viele Brüder in Soutanen] | [8] |
| [Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen] | [8] |
| [Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden] | [8] |
| [Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal] | [9] |
| [Wenn es nur einmal so ganz stille wäre] | [9] |
| [Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht] | [10] |
| [Ich lese es heraus aus deinem Wort] | [10] |
| [Der blasse Abelknabe spricht] | [11] |
| [Du Dunkelheit, aus der ich stamme] | [11] |
| [Ich glaube an alles noch nie Gesagte] | [12] |
| [Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug] | [13] |
| [Du siehst, ich will viel] | [13] |
| [Wir bauen an dir mit zitternden Händen] | [14] |
| [Daraus, daß einer dich einmal gewollt hat] | [15] |
| [Wer seines Lebens viele Widersinne] | [15] |
| [Was irren meine Hände in den Pinseln?] | [15] |
| [Ich bin, du Ängstlicher. Hörst du mich nicht] | [16] |
| [Mein Leben ist nicht diese steile Stunde] | [16] |
| [Wenn ich gewachsen wäre irgendwo] | [17] |
| [Ich finde dich in allen diesen Dingen] | [18] |
| [Ich verrinne, ich verrinne] | [18] |
| [Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen] | [19] |
| [Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz] | [20] |
| [Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister] | [20] |
| [Du bist so groß, daß ich schon nicht mehr bin] | [21] |
| [So viele Engel suchen dich im Lichte] | [21] |
| [Das waren Tage Michelangelos] | [22] |
| [Der Ast vom Baume Gott, der über Italien reicht] | [22] |
| [Da ward auch die zur Frucht Erweckte] | [23] |
| [Aber als hätte die Last der Fruchtgehänge] | [24] |
| [So hat man sie gemalt; vor allem einer] | [24] |
| [Mit einem Ast, der jenem niemals glich] | [25] |
| [Ich kann nicht glauben, daß der kleine Tod] | [26] |
| [Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?] | [26] |
| [Du bist der raunende Verrußte] | [27] |
| [Du, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam] | [27] |
| [Dann bete du, wie es dich dieser lehrt] | [28] |
| [Ich habe Hymnen, die ich schweige] | [29] |
| [Gott, wie begreif ich deine Stunde] | [29] |
| [Alle, die ihre Hände regen] | [30] |
| [Der Name ist uns wie ein Licht] | [31] |
| [Dein allererstes Wort war: Licht] | [31] |
| [Du kommst und gehst. Die Türen fallen] | [32] |
| [Du bist der Tiefste, welcher ragte] | [33] |
| [Ich weiß: Du bist der Rätselhafte] | [33] |
| [So ist mein Tagwerk, über dem] | [34] |
| [Ihr vielen unbestürmten Städte] | [35] |
| [Ich komme aus meinen Schwingen heim] | [35] |
| [Du wirst nur mit der Tat erfaßt] | [37] |
| [Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar] | [37] |
| [Und Gott befiehlt mir, daß ich schriebe] | [38] |
| [Es tauchten tausend Theologen] | [39] |
| [Die Dichter haben dich verstreut] | [40] |
| [Selten ist die Sonne im Sobór] | [40] |
| [Da trat ich als ein Pilger ein] | [41] |
| [Wie der Wächter in den Weingeländen] | [42] |
| [Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht] | [42] |
| [Ich war bei den ältesten Mönchen] | [43] |
| [Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern] | [44] |
| [So bin ich nur als Kind erwacht] | [45] |
| [Daß ich nicht war vor einer Weile] | [45] |
| [Es lärmt das Licht im Wipfel deines Baumes] | [46] |
| [Du Williger, und deine Gnade kam] | [47] |
| [Eine Stunde vom Rande des Tages] | [47] |
| [Und dennoch: mir geschieht] | [48] |
| [Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft (1901)] |
| [Dich wundert nicht des Sturmes Wucht] | [51] |
| [Ich bete wieder, du Erlauchter] | [52] |
| [Ich bin derselbe noch, der kniete] | [53] |
| [Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt] | [56] |
| [Dir ist mein Beten keine Blasphemie] | [56] |
| [Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp] | [57] |
| [Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn] | [58] |
| [Und meine Seele ist ein Weib vor dir] | [58] |
| [Du bist der Erbe] | [58] |
| [Und du erbst das Grün] | [59] |
| [Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen] | [60] |
| [Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt] | [61] |
| [Du bist der Alte, dem die Haare] | [62] |
| [Gerüchte gehn, die dich vermuten] | [62] |
| [Alle, welche dich suchen, versuchen dich] | [63] |
| [Wenn etwas mir vom Fenster fällt] | [64] |
| [Du meinst die Demut] | [65] |
| [In diesem Dorfe steht das letzte Haus] | [66] |
| [Manchmal steht einer auf beim Abendbrot] | [67] |
| [Nachtwächter ist der Wahnsinn] | [67] |
| [Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr]? | [67] |
| [Du bist die Zukunft, großes Morgenrot] | [69] |
| [Du bist das Kloster zu den Wundenmalen] | [70] |
| [Die Könige der Welt sind alt] | [71] |
| [Alles wird wieder groß sein und gewaltig] | [71] |
| [Auch du wirst groß sein. Größer noch, als einer] | [72] |
| [Es wird nicht Ruhe in den Häusern] | [73] |
| [So möcht ich zu dir gehn] | [73] |
| [Du Gott, ich möchte viele Pilger sein] | [74] |
| [Bei Tag bist du das Hörensagen] | [74] |
| [Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern] | [74] |
| [Jetzt reifen schon die roten Berberitzen] | [78] |
| [Du mußt nicht bangen, Gott] | [78] |
| [In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz] | [80] |
| [Drittes Buch: Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)] |
| [Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe] | [83] |
| [Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen] | [83] |
| [Mach mich zum Wächter deiner Weiten] | [84] |
| [Denn Herr, die großen Städte sind] | [84] |
| [Da leben Menschen, weißerblühte, blasse] | [85] |
| [O Herr, gib jedem seinen eignen Tod] | [86] |
| [Denn wir sind nur die Schale und das Blatt] | [86] |
| [Herr: wir sind ärmer denn die armen Tiere] | [87] |
| [Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen groß] | [88] |
| [Das letzte Zeichen laß an uns geschehen] | [89] |
| [Ich will ihn preisen] | [90] |
| [Und gib, daß beide Stimmen mich begleiten] | [90] |
| [Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen] | [90] |
| [Denn Gärten sind, – von Königen gebaut] | [91] |
| [Dann sah ich auch Paläste, welche leben] | [91] |
| [Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen] | [93] |
| [Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen] | [94] |
| [Du bist der Arme, du der Mittellose] | [94] |
| [Du, der du weißt und dessen weites Wissen] | [95] |
| [Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche] | [96] |
| [Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen] | [96] |
| [Und sieh, wie ihrer Füße Leben geht] | [96] |
| [Und ihre Hände sind wie die von Frauen] | [97] |
| [Ihr Mund ist wie der Mund an einer Büste] | [97] |
| [Und ihre Stimme kommt von ferneher] | [97] |
| [Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles] | [97] |
| [Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam] | [98] |
| [Denn sieh: sie werden leben und sich mehren] | [98] |
| [Nur nimm sie wieder aus der Städte Schuld] | [98] |
| [Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein] | [99] |
| [Die Städte aber wollen nur das Ihre] | [100] |
| [Und deine Armen leiden unter diesen] | [100] |
| [O wo ist der, der aus Besitz und Zeit] | [101] |
| [O wo ist er, der Klare, hingeklungen?] | [102] |
Titel, Kopfleiste und Anfangsinitiale
dieses Buches zeichnete Walter Tiemann.
Der Druck erfolgte in der
Offizin W. Drugulin zu Leipzig.