Die Laube konnte durch die Hoftür in unsern Hof gucken. Zwischen Garten und Hof floß die Flut.
An dem Geländer der alten Knüppelbrücke, die sich über die Flut legt, hat der Knabe oft gelehnt und dem Rätsel nachgesonnen, woher das Wasser kommt, das Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre unter der Brücke talab fließt und sich nie erschöpft. Bis sich ihm das Geheimnis auftat: Irgendwo auf Bergeshöhn mußte ein furchtbar großer Turm stehen. Der war bis obenhin gefüllt mit Wasser. Unten war eine Öffnung, die der liebe Gott groß und klein stellen konnte wie der Müller das Mühlenwehr. Meistens ließ er nur wenig Wasser durch, damit es nicht zu schnell alle werden sollte. Wenn der Turm leer zu werden drohte, bestellte er einen Regen, der den Turm wieder auffüllte. Manchmal verrechnete er sich. Dann ging der Turm über, und das Wasser schoß heulend und brausend die Flut hinab. Die Abflußgosse unseres Bottiches kleckerte wie ein winziges Wasserstrählchen dazu.
Der Eisenbottich auf dem Hof ist fort. Er wurde altes Eisen. Das Eisen stand hoch im Preis. Der Lumpensammler holte ihn. Fremden Menschen konnte er nicht sein, was er mir war.
Wenn aus den beiden Wasserpfosten das Wasser in seinen Rostbauch plörrte, war es wie Quellenmusik in einem Waldtal. Und wenn Eimer auf seinen Rand gestülpt wurden, kam aus dem Eisen läutendes Klingen. Unten auf dem Grunde schwammen meine Forellen. Die Pferde schlürften Wohlbehagen aus ihm.
Vorbei.
Das Vaterhaus ist fremde Stätte geworden. Es springen im Hof keine Hunde mehr an mir hinauf. Und die Pferde, deren Hufe über das Steinpflaster klappern, sind – Pferde. Es singt mir keine Schwalbe mehr das Morgenlied. Ich hänge keine Starkasten mehr auf. Und wieviel Rotschwänzel in meinem Kinderland nisten, weiß ich nicht.
Mein Fuß geht an den lieben Stätten vorbei. Und das Herz blutet.
Das Bergkind
Jürgen Traumelin wußte nicht, wie fest die Harzheimat in sein Herz gewachsen war. Er wußte nicht, wie seine Seele am Fichtenwald hing, an Bächen und Wiesen und an allen Bergdingen, an denen sich seine Kinderzeit abspann. Es war stille, unbewußte Liebe. Ein Feuerlein, das sich aus sich selbst erhielt und in der Brust glühte wie eine Selbstverständlichkeit.