Wem harte Faust im Nacken sitzt, dem stirbt die Jugend rasch. Das Pochwerk zerstampft Stein und Erz und Kinderherzen. Und hinter Schlackenkarren und Erzhunden wird der Mensch nicht jünger. Was übrigbleibt an Lebenskraft, nimmt bei dem einen der Schacht, dörrt bei dem andern der Schmelzofen aus.

Des Alten Weg führte nicht über Sonnenhalden. Nun ist er über den Berg. Die Sonne freilich ging derweilen jenseits hinab. Just ein Fünklein warmen Abendscheins kann er noch erhaschen. Im Antlitz des sinkenden Lichts stößt er den Stecken in die Erde. Ein müder Pilgersmann. Sein Ränzel ward auf der langen Bergfahrt leer. Er muß den Leibriemen enger schnallen. Blieb nichts im Sack als ein Stück Gnadenbrot und armselige Habe: ein Päcklein Tabak, eine Scheibenbüchse, die sein Arm nicht mehr halten kann, eine Harzzither, darauf die Saiten zersprangen …

Aber der Alte hat sich weise in sein Los gefügt. Grübeln und Grämen bringen verlorene Jugend nicht wieder. Er will beschaulich genießen, was ihm von Licht und Tag noch übrigbleibt. Er weiß: Wenn die Sonne fort ist, wird sich hinter ihr das schwarze Schachtloch Ewigkeit auftun. Dann wird er am Ziel sein. Bis dahin bewahre Gott uns allen ein fröhliches Herz!

Wenn der Gnadenlöhner solcherlei Gedanken spinnt, ist in seinen Augen fernes Feierabendleuchten voll Güte und Milde. Und in seinem Blick ist jener Friede, der mit der Welt und allen Alltagsdingen darin abgerechnet hat und bereit ist, das Ergebnis dieser Rechnung dem Herrgott vorzulegen: Das Leben hat mir nichts geschenkt. Ich habe meine Pflicht getan.

Glückauf, Alter Mann!

Um die Bergstadt verstreut liegen seltsame Gesteinshalden. Auf den Wiesen einzelne, die meisten im Walde versteckt. Es sind die letzten Reste uralter Gruben.

Der Fremdling übersieht sie zumeist. Selten, daß sich einer wundert, woher so unvermittelt an einer Waldlehne oder einem Wiesenhang ein ebener Plan entsteht, der aus dem Berg herauszukommen scheint, sich vorschiebt und wieder jäh in den Hang hinabstürzt. Der Bergmensch aber weiß, daß er hier auf einem Stücklein Boden steht, das durch die Arbeit der Väter geheiligt ist. Vor langen Jahren haben sie hier nach Silber und Blei geschürft. Hoffnungsvolle Namen gaben sie ihren Gruben. Aber diese erwiesen sich nicht allezeit als Goldene Rose oder Schatzkammer, waren nicht immer Silberlilie und Treuer Friederich; blinkten auch nicht auf die Dauer wie eine Engelskrone oder der Morgenstern. Und die Gnade Gottes und Gottes Segen waren ihnen nicht allen beschieden. Nicht überall lohnte die Ausbeute. Die Zubuße war größer denn der Gewinn. Dann versuchten die Alten ihr Glück an anderer Stelle. Das Gebirge reichte weit. Erz wuchs in jedem Berg. Sie gruben in den Oberschichten des Gesteins. Sie stiegen viele Lachter tief in die Erde hinab. – Alle diese Gruben sind vergessen. In den Chroniken des Harzheimatlandes heißen sie in ihrer Gesamtheit: Der Alte Mann.

Der Alte Mann waren aber auch die ersten Bergknappen, die die Hoffnung auf blinkenden Segen in die Harzberge lockte. Sie brachten ein regsames Getriebe in den stillen Wald Hercynia. Der Schwarze Tod entriß ihnen Schlägel und Eisen. Krieg und Not verschüttete die Gruben.