Dann richtete sich auch die gelbe Bachstelze in ihrem Nest auf, legte den Kopf schief und äugte verwundert zur Flut hinab. Ihr Nest hatte sie an unserm Stall. Wenn sie an Regentagen an den Stallfenstern nach Fliegen und Spinnen jagte, hätte sie den Kühen und Pferden im Stall zuschauen können, wenn nicht die Fensterscheiben grün und blau und blind gewesen wären.

Unser Stall!

Mir zieht der Duft von Heu und Häcksel durch die Nase. Ich spüre den Geruch von warmem Pferdeschinn, der an Kummeten und Zäumen klebt. Ich denke an heimliche Balkenwinkelei, an Stollen, Schächte, Räuberhöhlen und Burgverließe im Heu. Vom Hühnerwiemen flattern bunte Federn herab. Mäuse kraspeln im Futterkasten. Ich fühle ihr sammetenes Fell in der Hand und lasse sie laufen, weil ihre Knopfäugelchen bitten. In den Fensterwinkeln blaken Spinneweben. Fliegen, Heumotten und Heusamen fingen sich darin. Schwarze Spinnen liegen auf der Lauer. Sie gucken kaum mit dem Kopf aus ihren Höhlen wie die mißtrauischen Ratten, die ihr Loch unter der Krippe haben. Über Krippen und Heuraufen klettern meine Gedanken durch die Futterluken in den Heuboden hinauf. Als ich noch Wachstuchschürzen trug, war er mir ein Ort heimlicher Schauer.

Wißt ihr noch, Anna und Johanne, wie sich der Hosenmatz an euren Rock geklammert und sich vor dem Schatten gefürchtet hat, den die Stallaterne über das Heu warf?

Nach dem Füttern mußte er den Kuhschwanz halten, wenn ihr beim Melken saßet. Aber ihr machtet ihm die Arbeit leicht und wußtet ihm die schönsten Märchen zu erzählen. War es nicht der Däumling, der im Bauch der Kühe immerfort seinen Reim rief:

Schtripp, schtrapp, schtrull,

Is der Emmer noch net vull?

Die Erinnerung an viele liebe Tiere kommt mir. Pferde, Kühe, Kälber, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen hopsen mir durch die Gedanken. Hat keines seinen Platz in meinem Herzen verloren. Ich rufe sie bei Namen. Sie spitzen die Ohren und horchen. Dann erkennen sie mich. Eins nach dem andern kommt in froher Eilfertigkeit, mir die Hand zu lecken. Aus ihren Augen strahlt Freuen und Dankbarsein. Sie schmiegen sich an mich. Ich fühle den warmen Hauch ihrer Nüstern, das Kitzeln der Spürhaare. Ich streichle sie wie einst … Wie einst …

Unter meinen Händen zerrinnt ihr Bild und sinkt in die dunklen Tiefen zurück, daraus es Träume auferweckten. In die gleiche dunkle Tiefe, darin Jugend und Kinderzeit untergingen. Ist nichts von allem geblieben als das bittersüße Tröpflein Eswareinmal, das heiß am Herzen brennt.

Ich schließe die Stalltür. Sie trägt tausend Spuren von Flitzbogen- und Armbrustpfeilen und Pusterohrbolzen. Geradeso wie die Bretterplanken der Laube am Gartenhang. An ihren vier Ecken grünten Ahornbäume. Es ließ sich wunderschön auf das Laubendach klettern und im Ahorngezweig herumturnen. Dort hingen im Winter die Speckschwarten und Schweinepötzel für die Meisen. Und in der Laube war der Futterplatz für Finken und Goldammern. Im Frühjahr schnitzten wir dort unsere Pfeifen aus Quitschenruten. Wenn sich die Rinde nicht lösen wollte, half beim Klopfen ein Zauberspruch: