Die legitimen Mittel, um gewaltsam Unterworfenen gerecht zu werden und dieselben an sich zu ziehen, liegen in der toleranten Milde und Gerechtigkeit, im unverletzlichen Einhalten einmal geschlossener Verträge und gegebener Versprechungen, in einer gemässigten Gewinnsucht der Eindringlinge und in dem energischen Streben des dominirenden Staates (resp. der dominirenden Nation), das eroberte oder annectirte Land vor Devastation und die unterjochten resp. rechtmässigen Besitzer vor Unterschätzung und Missachtung von Seiten der Eindringlinge zu hüten.

Da das Königreich von Hawaii glücklicher Weise von colonisatorischem Joche und von einer Annexion — freilich, wie es mein geschichtlicher Theil des Inselreiches erweist, mit vielen Schwierigkeiten — sich soweit befreit hat, dass es seine eigene Regierung, seine Selbstständigkeit und sogar die Möglichkeit der Abschüttelung des fremden Einflusses errungen hat, leidet es in dieser Beziehung nur durch den indirekten Einfluss des amerikanischen Protektorats resp. indirekt durch die aussaugende Tendenz des anglosächsischen Kolonisations-Prinzips und sein eigennütziges, dem Lande schädliches Hantiren des Kapitalisten und Kapitales.

Das Vorgehende berücksichtigend fühlte ich mich — und zwar als Warnung zugleich — veranlasst, das eigentlich nur die Kolonien Betreffende auch hier zu erwähnen.

Zur Zeit des Capitän Cook 1779 soll von ihm, wie schon früher erwähnt, die Zahl der damaligen Bevölkerung der Inselgruppe von 300,000–400,000 geschätzt worden sein. Diese Zahl soll aller Wahrscheinlichkeit nach eine irrthümliche gewesen sein, da bekanntlich die Inseln von Cook nicht bereist worden sind und daher er die Bevölkerung nur nach den sich an den Ufern Ansammelnden taxiren konnte, jenen Ansammlungen, die erstens durch die Neugierde seiner Landung wegen und zweitens durch die im Allgemeinen stärker bewohnte Küste hervorgerufen waren. Mein liebenswürdiger Mitpassagier auf der „Likelike“ glaubte für 1779 die Zahl der gesammten Bevölkerung auf ein Maximum von 250,000 feststellen zu dürfen. Demnach wäre, da der Census von 1872 die Bevölkerung der Eingeborenen, die Mischlinge eingeschlossen, auf nur 51,531 feststellte, seit 1779 ein Deficit von 248,000 Seelen, wenn wir auf die Angabe pro 1779 auf 300,000 Seelen fussen.

Es ist glaublich und zu hoffen, dass die Abnahme sich allmählig vermindern oder ganz heben wird, da die Regierung seit 1823 die nöthigen Massregeln zu treffen sucht, die vielfältigen Ursachen der abnormen Sterblichkeit zu beseitigen.

Besonders günstig wirken die Errichtung von Hospitälern, das Reinhalten der Strassen und Häuser, die Berufung tüchtiger europäischer Aerzte in das Land, die Ausbildung einheimischer Aerzte an europäischen Universitäten und das Verdrängen der bisher so schädlich wirkenden Kahúnas, d. h. der Zauberärzte.

Die Hauptursache dieser abnormen Sterblichkeit, abgesehen von den verheerenden Kriegen Kamehámehás I., sind zu finden:

1. „In der venerischen Vergiftung des Blutes, Gift, das ihnen die unsittlichen europäischen Walfischfahrer beigebracht und, da keine andere ärztliche Hilfe als nur die der mystischen „Kahunas“ ihnen damals zu Gebote stand, nicht beseitigt wurde und daher ins Blut übergegangen war und ein erbliches Übel entwickelt hat, wie es der so ansteckende Hawaii’sche Aussatz genügend beweist, der oft plötzlich bei Vielen scheinbar ohne Ursache erscheint.

Auf der Insel Molokai, wohin alle von dieser Krankheit Befallenen sofort exportirt werden, kann man diese schreckliche national-chronische Seuche genügend beobachten.

Bis vor Kurzem war und ist noch bis auf die Jetztzeit im Volke die Überzeugung der Unheilbarkeit dieser Seuche derart eingewurzelt, dass eine von derselben behaftete Person, ohne Hülfe zu suchen, ohne selbst viel zu klagen, mit stoischer Ruhe die endliche Erlösung von der allmähligen Verwesung seines Körpers erwartet und nur durch Zwang sich einer Behandlung unterwirft. Das Auffallendste ist aber, dass Nichtbehaftete keine Scheu vor den Kranken zeigen. Sie wohnen mit ihnen, berühren dieselben und speisen mit ihnen aus einem und demselben Topfe mit vollster Überzeugung, dass sie dem Übel nicht entrinnen können, wenn sie demselben zu verfallen bestimmt sind. Dieses ist die Folge eines Aberglaubens, der aller Wahrscheinlichkeit nach ihnen durch die „Kahunas“ zur Bemäntelung ihrer Unfähigkeit, eine heilende Hilfe zu verschaffen, beigebracht und mit der Zeit traditionell geworden ist.