Im Charakter des Kanaken ist mir namentlich aufgefallen das Gemisch von Veneration, Achtung und Selbstgefühl.
Wie oft habe ich die Leute im Umgang mit dem freilich auffallend leutseligen Könige Kalakaua betrachtet! Einem schweigsamen Grusse folgte Schweigen, das Auge stets träumerisch, nie starr, fast sprechend in die des Königs gerichtet. Befragt, war die Antwort stets kurz, bündig und auffallend klar, ohne Niederschlagen der Augen, ohne Geberden. Der Gruss als Bewegung betrachtet, war langsam, respektvoll, gediegen. Jeder duzt den König. Gleich dem Grusse hat auch die Rede keine Spur von knechtischem Anschein.
Es liegt, so zu sagen, im Betragen des Kanaken ein Gemisch von gebender und fordernder Achtung, von Verehrung und Unabhängigkeit und trotz seines respektvollen, schweigsamen Benehmens liegt in seinen sprechenden Augen das Bewusstsein: ich habe Augen zum Sehen und Gehirn zum Denken!
Leider soll, wie authentische Persönlichkeiten des Landes mir vielseitig bemerkt haben, schon jetzt eine bedeutende Veränderung im Charakter dieser freimüthigen Race durch den ansteckenden Einfluss der in das Land eindringenden, europäischen, so vielseitig krankhaft übertriebenen Civilisation zu spüren sein.
Schon das Misstrauen allein gegen eine fremde durch die Macht ihrer nationalen Stellung sie dominiren wollende Race, erweckt bei ihnen nothgedrungen die Verstellung und verscheucht die ihnen angeborene Offenherzigkeit, demzufolge sich auch schon die, dieser Race bisher angeborene Gastfreundschaft bemerkbar zu verlieren scheint. Früher war jeder willkommen und, so lange er wollte willkommen geheissen, während jetzt schon oft unter ihnen das Gefühl des „Belästigtsein’s“ und das „wird er zahlen?“ als ein — dankbares Resultat des egoistischen Beispieles der Geldgier unserer übertriebenen europäischen Civilisation zu bemerken ist.
In allen ihren Schöpfungen und Erfindungen zeigt sich ein hoher Grad von Intelligenz und Ausdauer. In ihren Gesprächen spürt man Vaterlandsliebe, Nächstenliebe, Offenheit, Misstrauen, List, gewandte Verstellung und wollüstige Leidenschaft. Aus ihrer Poesie und ihrem sehr melodischen Gesange fühlt man Seele, Verständniss, Melancholie und ausgesprochene Leidenschaft. In ihren Tänzen und ihrer Musik zeigt sich abwechselnd Ernst, Melancholie, Apathie, Leidenschaft, Wollust und eine auffallende Präzision.
Dieses beweist, dass der Charakter der Nation von Natur ein gefühlvoller gewesen ist und dass sich in demselben nur durch sociale Verhältnisse — durch das Joch des mythischen Aberglaubens des „tabú“, und aus Furcht oder Hilflosigkeit — sich der grenzenlose, fast unglaubliche Mangel an Gefühl entwickelt hat, den man bei den Eltern, namentlich den Müttern gegen ihre Kinder findet und der allmählig zur nationalen Gewohnheit geworden ist.
Das Wort „tabú“ bezeichnet die mythische Verfügung der Götter durch die Priester, welche Personen, Gegenstände, Speisen, Orte, Thiere, Grundsätze, Opfer, Gedanken, Zeit, Unternehmungen etc. zu einer privilegirten, unantastbaren, unverletzlichen, über Alles erhabenen, göttlichen Heiligkeit zu erheben Macht hat. So sind z. B. der König, die Häuptlinge und die Priester als „tabunirt“ erklärt, daher auch Alles, was dieselben bei Andern berühren, unberührbar wurde und sofort vernichtet werden musste. Trat der König in ein Haus seines Volkes, so durfte keiner mehr nach ihm hineintreten, es musste vernichtet werden. Orte, Gegenstände, Thiere, Speisen, sobald der „tabú“ über dieselben verhängt war, durfte Keiner mehr betreten, berühren oder geniessen. Der Grundsatz, dass die Männer nicht mit ihren Frauen beisammen essen durften, war seit undenklicher Zeit als „tabú“ erklärt und wird noch bis zur jetzigen Zeit trotz des vollständig eingeführten Christenthums im Lande noch hin und wieder beachtet.
Sobald ein König oder Häuptling starb, wurde ein „tabu“ (oder auch „tapú“) über die Dauer einer bestimmten Zeit ausgesprochen, durch welches das Land für eine bestimmte Zeit als gesetzlos erklärt wurde. Während dieser Zeit durfte sich das Volk allen Thaten, Lastern und Vergehen ergeben.
Über Kinder, Erwachsene und über Gegenstände wurde oft das „tabú“ verfügt, um dieselben als Geheiligte zu opfern.