Bemerkenswert ist übrigens, daß Descartes jetzt dem „ich denke, ich bin“ vollkommenste Gewißheit vermöge des natürlichen Lichtes zuschreibt, während er oben erklärte, noch einen Zweifel an der Wahrheit dieses Satzes beseitigen zu müssen. Nach unserer an jener Stelle gegebenen Erläuterung kann dies nicht als ein Widerspruch angesehen werden. Das „natürliche Licht“ zeigt uns, daß jener Satz der wahrste und sicherste ist. Wir können daran keinen realen, wirklichen Zweifel hegen. Theoretisch aber, formal, ist es stets möglich, zu sagen, ich zweifle, also einen Zweifel zu fingieren. Um einen solchen fingierten Zweifel handelte es sich an jener Stelle. Descartes nannte ihn einen „metaphysischen“ Zweifel. Er stützte sich darauf, daß es doch möglich sei, daß wir notwendig stets irrende Wesen seien, und daß es ein Irrtum sei, wenn ich zu sein glaube. Das ist eine Fiktion, die wir niemals wirklich glauben können, die den Thatsachen unseres Bewußtseins widerspricht. Um aber selbst diesem Zweifelsgrund den Boden zu entziehen, untersucht Descartes das Wesen Gottes.

[30] Vgl. die [Anm. 2 S. 22]. Auch hier hat die französische Ausgabe denselben Zusatz, wie an jener Stelle.

[31] Unter „aktualer“ oder „formaler“ Realität ist die wirkliche Seinsfülle eines Gegenstandes zu verstehen im Gegensatz zur „objektiven“ Realität, welche bloß die in der Vorstellung symbolisierte Realität eines vorgestellten Gegenstandes bedeutet. Die Ausdrücke rühren aus der aristotelisch-scholastischen Philosophie her und decken sich ihrem Sinne nach nicht mehr mit den heutigen gleichlautenden Benennungen. – „Formal“ heißt jene wirkliche Realität, weil man das Prinzip des wirkenden Seins als „formal“ bezeichnete.

[32]vel formaliter vel eminenter“.

[33] Bezüglich des Verhältnisses der wirklichen Seinsfülle der Ursache der Vorstellung zur vorgestellten Seinsfülle des Gegenstandes der Vorstellung, beweist obiges Argument nicht das geringste. Der Descartes'sche Satz (auf den sich sein Gottesbeweis stützt) ist durchaus unbegründet.

[34] D. h. mehr Realität Enthaltendes. Vgl. [S. 55].

[35] Bei der materialen Falschheit handelt es sich um einen Irrtum bezüglich der Vorstellung selbst: ob sie nämlich „objektive Realität“ besitzt oder nicht. In letzterem Falle wäre sie nur in negativem Sinne eine Vorstellung (ähnlich wie „Finsternis“ nur im negativen Sinne eine Gesichtswahrnehmung ist).

[36] Hier zeigt es sich klarer, was wir schon oben ([Anm. S. 49]) bemerkten, daß nämlich Gott eine notwendige Ergänzung zum Ich ist, von diesem gefordert wird, wie der Nordpol vom Südpol, und daß das Ich, zwar an sich gewiß, erst seine volle Bedeutung und allseitige Bestätigung durch die Gottesidee erhält. Hieraus ergiebt sich dann leicht, inwiefern selbst das „Ich bin“, wiewohl es als das Erste und Gewisseste erkannt wird, doch in Bezug auf seine Gewißheit noch durch die noch unentwickelte, in ihrer Bedeutung noch nicht klar erkannte Gottesvorstellung in gewissem Sinne bedingt genannt werden konnte. Gott ist sowohl seinem Wesen nach dem Ich entgegengesetzt (unendlich – endlich), wie auch dem Kausalverhältnis nach (Ursache – Wirkung). Dadurch bildet er auch – wie etwa Jak. Böhm sich ausdrücken würde – den Gegenwurf, an dem der Geist sich spiegelt, dadurch er in sich selbst eingeht und seine Schranken erkennt.

[37] D. h. material, in Bezug auf ihre objektive Realität. (Vgl. [S. 59 Anm.])

[38]Nec obstat quod non comprehendam infinitum, vel quod alia innumera in Deo sint, quae …“ Kuno Fischer übersetzt: „Und der Begriff des Unendlichen wird dadurch nicht gehindert, daß etwa in Gott noch zahllose andere Wesen sind, die …“ Danach würde gegen die Unendlichkeit die Schwierigkeit erhoben, daß in Gott zahllose unfaßbare Wesen seien; dies entspricht nicht dem Sinne Descartes und giebt auch überhaupt keinen klaren Sinn!