»Sehr fein bemerkt,« lobte Dr. von Wydenbruck. »Nur die unbewußten Handlungen sind lebendig und fruchtbar und in ihrer Art fehlerlos und unfehlbar. Ich möchte hinzusetzen, auch tadellos.«
»An sich meinetwegen, in bezug auf die Zweckmäßigkeit,« entgegnete Bernburger; »aber das ist jetzt nicht unser Standpunkt. Sonst wäre ja jeder unmoralische Mensch in seinen unmoralischen Handlungen tadellos.«
»Ist er denn das nicht?« fragte Wydenbruck. »Aber Deruga,« fuhr er fort, »gehört nach meinem Dafürhalten nicht dahin. Ich halte ihn und nicht minder seine Frau für moralisch zurechnungsfähig, aber für hysterisch. Mord ist in unserer Zeit ein nur den untersten Schichten des Volkes angemessenes Verbrechen; tritt er in gebildeten Kreisen auf, so deutet er auf Hysterie oder Perversität.«
»Das stimmt für uns,« sagte Bernburger, »aber nicht für die Italiener. Übrigens gibt es auch bei uns Umstände und Leidenschaften, die einen Gebildeten auf natürlicher Grundlage zum Mörder machen können, zum Beispiel Eifersucht.«
»Ich möchte die Eifersucht selbst für das Dämonische erklären,« sagte der andere. »Jedenfalls glaube ich, daß wir es hier mit einer hysterischen Mordlust zu tun haben, die nichts als verdrängter Liebestrieb ist. Obwohl Derugas Frau ihn nach Aussage dieser guten, komischen Brutta liebte, findet er keine Befriedigung. Um mehr herauszupressen, erregt er Furcht, ihre Angst verdoppelt seinen Genuß, aber seine Gier bleibt ungesättigt und wird auch über ihrem Leichnam nicht erlöschen. Diese Unglücklichen sind die eigentlichen Vampire der Sage.«
»Daß es das gibt, bezweifle ich nicht,« sagte Dr. Bernburger, »vielleicht hat sogar jeder Mensch etwas vom Vampir in sich; doch kann ich Ihre Methode, die äußeren Beweggründe gar nicht in Betracht zu ziehen, nicht billigen. Sie sind vorhanden und üben ihre Wirkung aus, so oder so.«
»Auf Gesunde, ja,« antwortete Wydenbruck, »auf Kranke kaum oder nur, um willkürlich verwertet zu werden. Auf Hysterie deutet bei Deruga schon seine höchst merkwürdige Fähigkeit, sich auszuschalten, wann es ihm paßt. Er ist überaus reizbar, leicht bis zu Tränen ergriffen, und im nächsten Augenblick ist er wie von Stein. Er ist dann gewissermaßen nicht mehr da. Wenn er sich darauf legte, könnte er es vielleicht dahin bringen, sich tatsächlich zu spalten, und wir hätten dann die Erscheinung der Doppelgängerei.«
»Und die Frau?« forschte Bernburger; »warum halten Sie die Frau für hysterisch?«
»Ihre Furchtsamkeit ist ein hinreichendes Smyptom,« sagte Dr. von Wydenbruck. »Beachten Sie doch, wie Mordlust und Furchtsamkeit aufeinander eingestellt sind. Es ist höchst merkwürdig, wie solche Naturen magnetisch zueinander hingezogen werden, um ihre Wesenseigentümlichkeiten durcheinander aufs höchste zu steigern und ihr Los zu erfüllen. Alle Schranken durchbrechend offenbart sich der Selbstvernichtungstrieb als rätselhafte Leidenschaft.«