IV.

Auf der von unsicheren Frühlingssonnenstrahlen durchflackerten, breiten Straße, die auf die Front des Justizgebäudes führte, stieß Dr. von Wydenbruck auf den Oberlandesgerichtsrat Zeunemann, stellte sich vor und sprach seine Bewunderung über die Art aus, wie der Oberlandesgerichtsrat die Verhandlung führte. Er sei für den Einblick in eine komplizierte Psyche, der ihm da gewährt würde, sehr erkenntlich, und er sei überzeugt, Dr. Zeunemann werde noch immer mehr in ihre Tiefen und Untiefen hineinleuchten.

»Ich pflege meine Fragen so zu stellen,« sagte der Oberlandesgerichtsrat, »daß alles auf den Fall Bezügliche an äußeren und inneren Tatsachen von selbst hervorkommt. Nicht mit Hebeln und Schrauben, wissen Sie, sondern unwillkürlich, wie sich ein Blatt entrollt.«

»Ja, ich habe das bemerkt,« sagte Dr. von Wydenbruck entzückt, »es ist wundervoll. Sie schaffen gewissermaßen nur die geeignete Atmosphäre, und das Spiel des Lebens entfaltet sich. Bisher haben Sie die Bestrahlung des Tages vorwalten lassen, vielleicht lassen Sie es auch einmal Nacht werden, lassen die Schatten aus dem Hades der Seele aufsteigen.«

»Sie sind Psycholog und wollen Ihre Studien machen?« sagte Dr. Zeunemann.

»Von Ihrer reichbesetzten Tafel fällt vieles ab,« erwiderte Dr. von Wydenbruck verbindlich.

Sie blieben auf der breiten Freitreppe stehen, um das Gespräch zu beenden, während es drei Uhr schlug. »Ich kann dazu nicht so viel tun, wie Sie glauben,« erklärte der Oberlandesgerichtsrat. »Ohne Seelenkunde kann allerdings heutzutage kein Kriminalist auskommen, aber ich sage mit Absicht 'Seelenkunde', um auszudrücken, daß es sich nach meiner Meinung um keine eigentliche Wissenschaft handelt, sondern um ein angeborenes Gefühl, man könnte es Genialität nennen. Ich lasse mich weit mehr von meinem Gefühl als von Berechnung leiten; Sie werden sich wundern, eine solche Ansicht von einem Juristen zu hören.«

Während Herr Dr. von Wydenbruck Verwunderung und Bewunderung ausdrückte, hatte sich der Schwurgerichtssaal gefüllt, und einer von den Geschworenen, Geflügelzüchter Köcherle, fragte den Obmann der Geschworenen, Kommerzienrat Winkler, neben dem er saß, wer die feine Dame mit der langgestielten, goldenen Lorgnette in der ersten Reihe des Zuschauerraums sei.

»Das ist doch die Baronin Truschkowitz, die die ganze Geschichte in Gang gebracht hat,« sagte der Kommerzienrat. »Kennen Sie denn die nicht?«