»Ja, sehen Sie, Verehrtester,« antwortete Dr. Zeunemann, während er seinen Talar mit dem Gehrock vertauschte, »bis jetzt geht die Anklage nur auf Totschlag, und dabei würde er mit ein paar Jahren Zuchthaus davonkommen. Aber unser Staatsanwalt sieht es eigentlich als Mord an, und wenn noch irgendein dahinzielendes Indizium auftaucht, kann die Geschichte bedenklich werden. Wenn zum Beispiel festgestellt würde, daß der Mann mit dem Inhalt des Testaments bekannt war, ja, dann würde die Meinung des Staatsanwalts wahrscheinlich durchdringen, und in dem Falle würden wir auch sofort, so leid es mir tut, zur Verhaftung schreiten müssen.«
»Darf ich fragen,« erkundigte sich Herr Hase, »wie Sie persönlich die Sache beurteilen?«
»Ich bin zu sehr Psychologe,« sagte Dr. Zeunemann, »um nicht einen gewissen Anteil an problematischen Charakteren zu nehmen. Was für eine Grundfarbe dieses Chamäleon eigentlich hat, darüber bin ich, um die Wahrheit zu sagen, noch nicht ins klare gekommen.«
»Warum sollte er überhaupt eine Grundfarbe haben?« sagte Herr Hase verhältnismäßig lebhaft. »Der schimmernde Wechsel ist die Natur dieses fabelhaften Geschöpfes. Ich habe eine große Sympathie für Chamäleons,« fügte er nach einer Pause hinzu.
»Ich verstehe, ich verstehe,« erwiderte Dr. Zeunemann, »schön, aber schlüpfrig. Die ästhetische Betrachtungsweise ist sehr verschieden von der moralischen und diese nicht immer identisch mit der juristischen.«
Er war im Begriff, einen breitrandigen Filzhut vom Gestell zu nehmen, als es klopfte und auf sein unwirsches Herein die Baronin Truschkowitz auf der Schwelle erschien, der der Staatsanwalt die Tür öffnete.
»Lieber Präsident,« sagte sie rasch, indem sie ihm ihre in einem weißen, festanliegenden Lederhandschuh steckende Hand reichte, »ich weiß, daß es im höchsten Grade zudringlich ist, Sie in Ihrem Heiligtum und noch dazu um diese Zeit zu überfallen, aber Sie sind zu ritterlich, um mich hinauszuwerfen, und ich bin zu unedel, um Ihre Höflichkeit nicht auszunutzen.«
Dr. Zeunemann stieß einen komischen Seufzer aus. »Machen Sie es wenigstens kurz, Frau Baronin,« sagte er.
Sie lachte ein helles, jugendliches Lachen, in dem ein girrender Ton war, der etwas Verführerisches hatte. »Ich mache es schon kurz,« sagte sie, »wenn nur Sie, Herr Präsident, es nicht in die Länge ziehen. Es betrifft die Nadel, die Sie heute in der Hand hatten und jenem Menschen zurückgaben. Ich erkannte sie sofort wieder als ein Erbstück meiner Urgroßmutter, das heißt, meiner und meiner verstorbenen Kusine Urgroßmutter. Es ist mir unleidlich, dies kostbare Andenken in den Händen jenes Menschen zu wissen, und ich möchte Sie bitten zu bewirken, daß sie mir eingehändigt wird.«
»Ihnen, Frau Baronin,« sagte Dr. Zeunemann erstaunt, »ja, gehört sie denn Ihnen?«