IX.
Der Sonntag zeigte sich indessen Deruga unverhofft wohltätig, indem ein Freund seiner Kindheit und Jugend eintraf, Dr. Carlo Gabussi, Landarzt in einem Dorfe oberhalb Belluno, den Zeitungsberichte über den Prozeß veranlaßt hatten, nach München zu kommen, um Deruga allenfalls beizustehen. Die Freunde umarmten und küßten sich wieder und wieder, und es dauerte eine Weile, bis sie ein zusammenhängendes Gespräch zu führen imstande waren.
»Kommst du wirklich meinetwegen, Carlo, lieber Junge?« sagte Deruga. »Das ist doch der Mühe nicht wert, die Reise, die Kosten und alles das.«
»Unsinn,« sagte Gabussi, »ich war froh, Gelegenheit zu einer Reise zu haben. Ich bin ja seit zehn Jahren nicht von meinem gesegneten Dorfe heruntergekommen. Wenn ich aber etwas für dich tun könnte, wäre ich allerdings glücklich. Denke dir von den vielen Opfern, die du mir gebracht hast, einmal etwas wiederzugeben!«
»Ich dir?« lachte Deruga. »Meinst du, daß du monatelang Tag für Tag bei mir saßest, als ich krank im Spital lag?«
»Nun ja,« sagte Gabussi, »du bist zwar nicht mir zuliebe krank geworden, aber ich konnte doch zu dir kommen und brauchte nicht immer zu Hause zu sein, wo es so wenig Unterhaltung für mich gab. Du hörtest mir zu, wenn ich von meiner Angebeteten erzählte, und machtest mir Gedichte für sie.«
Deruga fragte, wie es ihr gehe, und ob sie noch immer nicht geheiratet hätten.
»Nein,« sagte Gabussi mit einem Anflug von Wehmut. »Dadurch, daß meine Mutter bei mir wohnt, und daß meine arme Schwester lahm ist, kann ich nicht gut noch eine Frau unterbringen. Geld verdienen könnte sie auf meinem Dorfe auch nicht, denn eine verheiratete Lehrerin wird nicht angestellt. Aber ich bin ja so glücklich, daß ich meine Mutter noch habe! Sie ist jetzt so leicht, daß ich sie auf einem Arme tragen kann, und ich trage sie jeden Abend ins Bett, obwohl sie sich fürchtet; aber ich kann es nicht lassen, und im Grunde hat sie es auch gern. Natürlich, meine Lisa hat jetzt einige weiße Haare in ihren schönen schwarzen Haaren. Sie sehen mir so aus wie eine Silberspur, die Gottes liebkosende Hand zurückgelassen hat. Kannst du dir das denken? Und wenn ich sie so gut und fröhlich zwischen ihren Schulkindern sehe, dann wird mir wohl das Herz eng, und ich denke: Wenn ihr so unsere Kinder an der Hand hingen! Aber das ist ja selbstsüchtig und unrecht, wenn ich bedenke, wie gut es mir geht, zum Beispiel mit dir verglichen, mein Dodo, mein alter, lieber Junge! Wie konntest du aber nur in solchen höllischen Wirrwarr verwickelt werden! Nein, sprich jetzt nicht davon, wenn du nicht magst! Wir haben Zeit, ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.«
»Die Schweinerei soll mir gesegnet sein,« sagte Deruga, »denn ohne sie hätte ich dich so bald nicht gesehen, Gabussi! Ein bißchen magerer bist du geworden, aber sonst ganz das liebe, alte, ehrbare, erschrockene Gesicht!«
»Aber du bist mein bronzener David nicht mehr,« entgegnete Gabussi. »Du siehst grau aus, das kommt vom Mangel an Luft und Bewegung. Laß uns spazierengehen — oder, noch besser, ich nehme einen Wagen, und du zeigst mir die Stadt und die Umgegend.«