»Was für ein Tier!« sagte Orazio. »Man muß zugeben, daß unsere Bauern nicht viel mehr als Vieh sind und die Anforderungen, die man an sie stellt, danach bemessen.«
»Er hat eine wölfische Physiognomie,« sagte der Kardinal, »und ich möchte wetten, daß er ein echtes Wolfsgebiß besitzt. Es scheint in der Tat nötig, daß die Menschheit vor einem solchen Wüterich beschützt werde.«
Seine letzten Worte wurden durch die Stimme Roncos übertönt, der eben jetzt wieder zu singen begann, vielleicht aus Trotz, oder weil ihm die Lobsprüche der vornehmen Herren dennoch geschmeichelt hatten.
»Göttlich, göttlich!« flüsterte Don Orazio. »Dieses Wunderwerk von Stimme darf nicht zerstört werden! Ich werde nicht Mühe noch Kosten scheuen, sie mir zu retten.«
Unter den geschlossenen Augenlidern des lauschenden Kardinals perlten Tränen hervor. »Welcher Wohllaut quillt noch aus dem Rachen der Hölle!« hauchte er. »O Geheimnisse der Allmacht! Jeder Ton ist rein, weich und lauter, wie ein Tropfen Tau, der sich in der Frühe auf Knospen wiegt. Was wird Seine Heiligkeit sagen, wenn sie diesen Gesang hört!«
In großer Erregung verließen die Herren das Gefängnis und ließen sich in der bereitgehaltenen Sänfte zu dem Palast des Kardinals tragen, um über die zunächst vorzunehmenden Schritte zu beraten; denn darin stimmten sie überein, daß der rare Vogel für die päpstliche Kapelle durchaus erworben werden müsse. Nachdem sie sich bei einem Glase guten Weins in einem kleinen wohnlichen Gemach, dessen Wände mit schönen Teppichen aus Arezzo verhängt waren, von den verschiedenen heftigen Eindrücken des Vormittags erholt hatten, schien es ihnen nicht unmöglich, das Tribunal zu einem Freispruch des kostbaren Ronco zu bewegen. Sie hatten in Erfahrung gebracht, daß ein gewisser Guidobaldo die Verteidigung des Verbrechers führe, und mit diesem beschlossen sie sich zunächst ins Vernehmen zu setzen. Don Orazio nämlich hatte ihn in einem befreundeten Hause kennengelernt und sich gut mit ihm unterhalten, obwohl der Advokat ein Freidenker und Feind des Klerus war. Da er aber seine Ansichten nicht äußerte, außer wenn es am Platze war, die Formen der Religion mit großem Anstand in acht nahm, sobald er sich beobachtet wußte, und dazu ein fröhlicher und gewandter Mann war, so konnten auch Geistliche seinen vorurteilslosen Verstand und seine geselligen Gaben genießen und waren es zufrieden, einstweilen in gutem Einvernehmen mit ihm zu bleiben. Es traf sich glücklich, daß der Advokat gerade damals im Sinn hatte, eine Villa zu kaufen, deren ausgedehnter Garten sich den Janikulus hinaufzog, daß er aber den hohen Preis, der dafür gefordert wurde, nicht zahlen konnte oder wollte; denn dadurch bot sich die erwünschte Gelegenheit, den nützlichen Mann durch eine Gefälligkeit zu gewinnen. Ohne Zaudern suchten die Freunde den Advokaten noch am selben Tage auf und baten ihn, an die Bekanntschaft mit Don Orazio knüpfend, ihm die Summe, deren er zum Erwerb der Villa benötige, vorstrecken zu dürfen. Sie hofften, sagte Don Orazio, sich dadurch ein Anrecht auf gütiges Entgegenkommen seinerseits zu verdienen, wenn sich das, was sie von ihm wünschten, mit seiner Ehre und anderen Rücksichten vereinigen ließe. Nach dieser Einleitung erzählte er von seinem Funde im Gefängnis, sprach von der Vorliebe des Papstes für Musik, insbesondere die menschliche Stimme, und von seinem Wunsch, eine so überaus seltene Kraft für die päpstliche Kapelle zu gewinnen, zumal damit ein Menschenleben gerettet und auf eine nutzbringende, vielleicht ruhmvolle Bahn gebracht würde.
Der Advokat erwiderte, er habe bereits von der schönen Stimme des Ronco gehört, sich aber nicht sonderlich dafür interessiert; er trage jedoch gern dazu bei, dem Heiligen Vater ein Vergnügen zu bereiten, auch sei es sowieso seines Amtes, die Verbrecher zu verteidigen und womöglich zu retten. Immerhin sei das im vorliegenden Falle schwierig, weil der Bauer überwiesen und geständig sei und viel zu stumpfsinnig oder zu roh, um Schritte zu seiner Rettung zu tun oder zu unterstützen, wenn solche überhaupt erfindlich wären. Nach einigem Besinnen fuhr er fort, es ließen sich wohl Wege zum Ziel ausdenken, wenn man fest entschlossen sei; es sei schon mancher freigesprochen, der den Tod ebensowohl wie der schlimme Ronco verdient hätte; von dem Präsidenten des Tribunals, Monsignor Aloisio, sei es nur allzu bekannt, daß seine Stimme feil sei, freilich um kein Geringes, wohingegen der weltliche Beisitzer für ein billiges Trinkgeld zu haben sei. Da sei aber Don Petronio, ein unzugänglicher Mann, dessen einzige Eitelkeit und Liebhaberei seine Unbestechlichkeit sei, der stets den Sittenrichter spiele und emsig aufpasse, damit ja nicht etwa unter seiner Mitwirkung etwas Ungebührliches unterliefe. Wenn man sich diesem mit wohlgemeinten Anerbietungen irgendwelcher Art näherte, so würde man von vornherein alles verderben; wie man ihn aber umgehen oder überlisten könne, dazu könne er noch keinen Plan absehen, wolle die Sache aber bedenken. Ein Übelstand sei es auch, daß der Prozeß im vollen Gange sei und nur noch ein Verhör stattzufinden habe, worauf der Urteilsspruch bei der Klarheit des Falles nicht auf sich warten lassen würde. Indessen ermutigte er die beiden Bittsteller damit, daß guter Rat sich oft über Nacht einstelle, und gab ihnen anheim, sich einstweilen mit dem Präsidenten in Übereinstimmung zu setzen, offen gegen ihn zu sein und etwa eine Art Mitwissen des Papstes anzudeuten, was seiner Beflissenheit einen gedeihlichen Schwung geben würde.
Monsignor Aloisio war ein prachtliebender Mann und heiteren Temperaments, der gern gut lebte und auch anderen Gutes gönnte, wenn er nur Geld genug zur Verfügung hatte, dessen Mangel das einzige war, was seine Laune auf die Dauer zu trüben vermochte. Als er innewurde, daß Kardinal Mazzamori und Don Orazio ihm einen erheblichen Zufluß des geschätzten Metalls zu eröffnen gedachten, nahm er sie mit lauter und glänzender Gastlichkeit auf, führte sie durch die pomphaft ausgestatteten Räume seines Hauses, zeigte ihnen eine Sammlung chinesischer Porzellane und versprach für seine Person, einem so billigen und harmlosen Wunsche ohne kleinliche Bedenken entgegenzukommen, führte aber, wie der Advokat, den unbestechlichen Don Petronio ins Feld, der, seiner schrullenhaften Eitelkeit zuliebe, jeden Versuch, den armen Sünder durchschlüpfen zu lassen, vereiteln würde. »Nach meiner Meinung«, sagte er behaglich, »ist die Gerechtigkeit bei Gott, der es nicht immer für gut findet, uns zu erleuchten. Wie kurz ist die Kette von Ursache und Wirkungen, der wir folgen können! Nun ja, man urteilt nach seiner Kurzsichtigkeit und glaubt, etwas Großes getan zu haben, wenn man einen Dieb oder Räuber aufhängt. Wie oft dieser ein frommes Herz im Busen hatte, ein guter Vater oder edler Freund war, während sein sogenanntes Opfer auf dem Grunde der Seele, wohin kein sterbliches Auge blicken kann, die Farbe der Hölle trug, wer mag das wissen? Unser guter Petronio hingegen begreift nur den Buchstaben und meint, unsere Erde zu verbessern, wenn die Paragraphen recht in Anwendung kommen.«
Nachdem verschiedene Einfälle, um zum Ziele zu gelangen, vorgebracht und verworfen waren, trennten sich die Herren, ohne zu einem Schluß gekommen zu sein, mit der Befürchtung, daß ihnen der Sänger dennoch entgehen würde. Indessen empfing Don Orazio noch zu später Abendstunde einen Brief des Präsidenten, der so lautete: Es sei ihm plötzlich ein eigenartiger, aber wohl tunlicher Einfall gekommen. Wenn man nämlich den Petronio könnte glauben machen, Richter und Advokat seien bestochen, um den Ronco, der zwar ein ungebildeter Bauer, aber brav und nichts als das Opfer tückischer Ränke sei, an den Galgen zu bringen, und sie alle ihre Rolle gut spielten, auch der Advokat sich willig finden lasse, so sei zu verhoffen, daß Don Petronio seine Kraft einsetze, die vermeintliche Unschuld zu retten, so daß ihnen nach einem Kampfe von gewisser Dauer nichts erübrige, als zu ihren eigenen Gunsten nachzugeben.
Das Einverständnis der Beteiligten wurde schleunig hergestellt. Mazzamori und Don Orazio kargten nicht mit dem Gelde, indem sie nicht zweifelten, der Heilige Vater würde ihnen am Schluß reichlich ersetzen, was sie auf die Ausbildung eines so erlesenen Sängers würden verwendet haben. Guidobaldo, der Advokat, trug Sorge, daß Don Petronio durch eine anonyme Zuschrift auf das Unwesen aufmerksam gemacht wurde, dem diesmal ein hilfloser Bauer zum Opfer fallen sollte, und daß die Nachricht von seinem Hauskauf sich verbreitete, und nahm den launigen Glückwunsch, den der Präsident ihm in Gegenwart des versammelten Tribunals dazu machte, händereibend entgegen. Er selbst, sagte der Präsident, habe auch im Sinne, sich eine bescheidene Freude zu machen. Der französische Gesandte, der von seinem König abberufen sei und Rom zu verlassen gedenke, wolle eine goldene Karosse mit vier Pferden verkaufen, und er habe ein Angebot darauf gemacht, wisse aber noch nicht, ob es angenommen sei. Die Summe flüsterte er dem Advokaten lächelnd ins Ohr, wie er denn überhaupt es so einrichtete, daß die Mitteilung als eine vertrauliche, durch den zufälligen Lauf des Gesprächs entlockte erscheinen mußte. Petronio, der die Herren scharf beobachtete, säumte nicht, ihre so plötzlich auftretende Verschwendung mit der schmachvollen Rechtsbeugung in Einklang zu bringen, zu der sie sich dem empfangenen Briefe nach hatten bereitfinden lassen. Um sicher zu gehen, lenkte er selbst die Rede auf Ronco und sagte, mit dem würden sie hoffentlich heute zu Ende kommen; denn man solle darauf halten, in einer so klaren Sache wenigstens keine Zeit zu verlieren. Der Präsident stimmte bei, und der Advokat fügte mit liebenswürdig scherzender Ironie hinzu, er wisse wohl, daß er die Herren Richter, die gern Zeugen einer breiten Entfaltung seiner Beredsamkeit wären, damit enttäuschte, habe aber doch beschlossen, diesmal schlechtweg ohne weitere Worte um ein gnädiges Urteil zu bitten, da er sich mit der Verteidigung eines so verworfenen Übeltäters nicht verunzieren wolle. Das töne anders, sagte Petronio mit Nachdruck, als er, Guidobaldo, sich zuvor habe vernehmen lassen. Er habe damals gesagt, der Grund, der den Ronco zum Morde getrieben haben solle, sei zu geringfügig, um eine solche Untat zu erklären, auch würde ein gemeiner Verbrecher die Bluttat zu leugnen versuchen, um sein Leben zu retten; es lasse sich also erwägen, ob nicht der augenscheinlich halb blödsinnig gemachte Bauer das Werkzeug Mächtiger sei, die sich nebst ihren Absichten und Mitteln im Hintergrunde hielten.